Des Friedens Mutter ist Bescheidenheit

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Michael Denis: Des Friedens Mutter ist Bescheidenheit Titel entspricht 1. Vers(1764)

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Des Friedens Mutter ist Bescheidenheit,
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Und Scham des Barden beste Feierzier.
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Mein Sohn! ich tadle Lobbegierde nicht.
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Lob ist der Seelenstachel beß'rer Art,
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Und ohne diesen Stachel schlummerten
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Die größten Thaten der Vergangenheit,
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Die besten Lieder unerweckten Schlaf.

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Doch niemal hoffe der von Andern Lob,
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Dem Eigenlob von trunk'ner Lippe träuft.
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Und wie, wie träufelte dir Eigenlob
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Von deiner Lippe? Zeichnetest du vor,
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Als dich Allvater schuf? Verstand, Gefühl,
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Gedankenschwung, und Bildekraft, und Ohr,
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Und Saitenfähigkeit – gab er sie dir?
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Mußt' er sie geben dir? Und wenn sie nun
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Sie alle Gaben seiner Willkühr sind,
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Und du sie nützest, thust du mehr, als Pflicht?
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Die Pflichten sind der Laster Gegensatz.
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Der größten eines ist Undankbarkeit.

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Du fassest jetzo deinen Wanderstab,
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Und wallest deines Vaters Giebel zu.
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Nun sage, wirst du wohl auf jeder Flur
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Mit Blumenpflücken weilen? Wirst du dich
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In jeder Quelle spiegeln, dich, zu ruhn,
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In jedem Schatten niederwerfen? Nein!
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Des Vaters Harren, und der Mutter Wunsch
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Dich bald zu sehn beflügelt deinen Fuß.
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So wirf einst jedes Lied, das dir geräth,
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Schnell über deinen Rücken, sieh nicht um,
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Sieh nur vor dir hin, wo ein neuer Sproß
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Für deine Schläfe dir entgegengrünt.
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Bald laubt sich hinter deinen Pfaden her
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Ein junger Eichenhain für dich empor.
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Du siehst ihn nicht; allein ihn sieht dein Volk,
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Und preiset deine Lieder desto mehr,
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Je mehr du selbst von deinen Liedern schweigst.

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Gib Ehre denen, deren Harfenruhm
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Im ganzen Erbe Teuts, wie Sonnen, stralt.
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Sie sind Allvaters helles Bild, die Zier
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Der Menschheit, Lehrer von Jahrhunderten.

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Beneide jene nicht, die, weit verstreut
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Durch alle Gauen, gleichen Weg mit dir
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In Bardenkunst bewandeln. Freue dich
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Vielmehr auch ihres Namens, wenn er steigt.
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Denn Oder, Elbe, Weser, Donau, Spree
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Sind alle deutsche Flüße. Jedes Lob
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Des Barden ist des Vaterlandes Lob.

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Tritt einst ein schwächerer Versucher auf,
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Und bringt ein ungereiftes Lied im Volk,
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Doch ohne Stolz, bescheiden – schone sein,
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Beschimpf' ihn nicht! Er hat es gut gemeint,
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Er hat gestrebet. Soll er jetzt dafür
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Mit schwerem, wundem Herzen einsam gehn,
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Der Schlaf sein Aug' in Kummernächten fliehn?
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Ersticke du die zarte Pflanze nicht!
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Vielleicht gedeiht sie noch zu Blüth' und Frucht.

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Erdulde Tadler! mögen sie nun still
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An deinem Kranze nagen, oder laut
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Dein Lied verachten. Als sich Fingals Sohn
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Auf seinem leichten Nebel einst in Nacht
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Zum Ohre meiner Ruhe niederließ,
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Und mir gebot, die Laute seines Lieds,
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Noch nicht verströmet von der Zeiten Flut,
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Die Söhne Teuts zu lehren; ich es dann
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In Mitte meines Volkes unternahm;
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Da scholl es in den Mengen hier und dort
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Bald stärker und bald leiser: Ossian
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Sang nicht so weich! Und jetzt: Nicht rein genug!
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Und jetzt: Die Weise fehlt! Und and'res mehr.
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Dieß alles hörte Sined. Sined schwieg
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In sich gekehrt, wie wenn der rasche Nord
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An seiner wohl verwahrten Halle sich
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Die Schwinge bricht. Ich dachte: Fingals Sohn!
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Hab' ich ihn nicht erreichet deinen Schwung,
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Hab' ich verstellt dein Lied, die Saiten falsch
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Und schnarrend angeschlagen, o so kann
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Ich mich nicht schützen, bin des Tadels werth,
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Und, was ich unternahm, wird bald wie Duft,
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Vor meines Volkes Augen sich zerstreu'n.
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Allein gelang es mir, den hohen Gang,
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Den du einst gingst, dir männlich nachzugehn,
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Den Kindern Teut's dein lange schlummernd Lied
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So, wie es war, zu wecken, o dann tritt,
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Dann tritt es vor der Nachwelt Richterstuhl
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Mit heit'rer Zuversicht, und steht so fest
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Dem Tadel, wie den Wogen Morvens Fels.

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So denk' und handle stets, mein Sohn! Dann wird
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Auch deine Seele, gleich der glatten See,
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Worinn des Mondes holder Silberblick
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Sich lächelnd mahlt, zufrieden, ruhevoll
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Durch alle deine Lebenstage seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

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