Wie lange reizen eure Saitengriffe

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Michael Denis: Wie lange reizen eure Saitengriffe Titel entspricht 1. Vers(1764)

1
Wie lange reizen eure Saitengriffe
2
Noch niedriges Gefühl?
3
Wie lange weht noch in die Glut der Lüste
4
Der Flügel eures Lieds?

5
Ach Barden! – Dieser tugendholde Namen
6
Gebühret er noch euch?
7
Ich geb' ihn euch! O leitete der Namen
8
Zur Bardenpflicht zurück'!

9
Ach Barden! waren fremder Wollustsänger
10
Nicht leider schon zu viel?
11
Entmanntet ihr nun auch zu eurer Schande
12
Das deutsche Saitenspiel?

13
So klang es nicht in bied'ren Ahnenzeiten;
14
Da war's der Tugend treu.
15
Warum verstimmtet ihr die Saiten? Saget,
16
Was that die Tugend euch?

17
Was thaten euch Thuisko's Heldensöhne?
18
Ihr mach't sie geil und frech.
19
Was thaten euch Thusnelden's Enkelinnen?
20
Ihr decket sie mit Scham.

21
Zwar euer Lied ist süßer Honigfladen,
22
Ist bunter Blumenstrauß;
23
Doch hinter'm Fladen lauschet Bienenstachel,
24
Im Strauße Schlangenzahn.

25
Des Jünglings ach! dem dieser Honigfladen
26
Den kühnen Gaumen reizt;
27
Des Mädchens ach! die diesem Blumenstrauße
28
Den Busen anvertraut.

29
Ihr saget: Unser Lied quillt reifem Alter,
30
Der Jugend quillt es nicht.
31
Ha, nehmt ihr Ohr und Vorwitz, und dann saget:
32
Der Jugend quillt es nicht.

33
Und könnt' es denn nicht auch der Jugend quellen?
34
Ha, Barden! blick't umher!
35
Scheint nichts, als thierverwandter Gliederkützel
36
Euch eurer Lieder werth?

37
Blick't auf! Hier oben herrsch't das erste Wesen,
38
Sein Himmel unter ihm
39
Mit ewighellen Wundern rund behangen.
40
San'g noch ein Bard' es aus?

41
Begeistert Joseph, Friedrich keinen Busen?
42
Sind die genug gelobt?
43
Blick't auf Theresien, auf Katharinen!
44
Verdienen die kein Lied?

45
Und nenn' ich alles, was Gesänge wecket?
46
Und nenn' ich's Barden! euch?
47
Wer weis es besser, würd' es besser singen
48
Ins Harfenspiel, als ihr?

49
O dann erschwänge sich der Barden Jauchzen
50
Im weiten Erbe Teut's!
51
Nun steh'n sie trüblich eure Brüder, seufzen:
52
Sie schänden unsern Kranz!

53
Ihr lachet. Schulter steht an Schulter drängend
54
Um euch ein lüstern Volk.
55
Hoch über meine Klagen hebt sein Rühmen,
56
Sein Händeklatschen euch.

57
Doch dieses Volkes Rühmen, Händeklatschen
58
Verstummt es, Barden! nie?
59
Auch dann nicht, wann dem letzten eurer Morgen
60
Allvater Flügel gibt?

61
Ha, trüber Morgen! Damal wird ein Schweigen
62
Vor eurem Lager seyn,
63
Still, wie die rothen Felder, wenn der Wirbel
64
Der Schlacht vertobet hat.

65
Nur eine Stimme reißt sich dann gewaltig
66
Aus eurer Brust herauf.
67
So spaltet eine lang erstickte Windsbraut
68
Zuletzt der Erde Schooß.

69
Allvater sitzt zu richten! tönt die Stimme:
70
Bald steht auch ihr vor ihm,
71
Vor ihm, der über euch der Gaben Fülle,
72
Dann, als ihr wardt, ergoß;

73
Der eurem Geiste leuchtendes Erkenntniß,
74
Und zärtliches Gefühl,
75
Und hohe Bildungskraft und Macht des Liedes
76
Vor tausend andern gab.

77
Und diese Gaben! Ach sie wurden vielen
78
Von eurem Volke Gift!
79
Sie weckten böse Brunst und Thierbegierden
80
In mancher keuschen Brust.

81
Wer heilet diese nun nach eurem Falle
82
Von ihrer schnöden Sucht?
83
Wer jene, die von diesen angestecket
84
Ein gleiches Uebel frißt?

85
Wer dämpfet eure Lieder? Ach sie schallen
86
Im ganzen Erbe Teut's!
87
Wer tilget sie? Sie dauern, wirken Unheil
88
Bis an der Zeiten End'!

89
So tönt die Stimme. Werdet ihr dann lachen,
90
Euch Menschenlobes freu'n?
91
Wie, oder wird der Aengsten fürchterlichste
92
Euch euren Geist durchglüh'n?

93
Der Hohn erwacht. Ihr seht verächtlich nieder
94
Auf mich und auf mein Lied,
95
Und geb't mich eurem brünstigen Gefolge
96
Zum lauten Spotte preis.

97
Wohlan! ich will ihn meines Volkes wegen
98
Erdulden diesen Spott.
99
Mir ward kein Herz zum Hasse. Nur bedauren,
100
Bedauren kann ich euch.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.