Das Grau der Vorzeit hellt sich dem Barden auf

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Michael Denis: Das Grau der Vorzeit hellt sich dem Barden auf Titel entspricht 1. Vers(1764)

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Das Grau der Vorzeit hellt sich dem Barden auf.
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Er sieht. Ein Sprößling laubt sich vor ihm empor,
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Unüberpflanzt, in eig'nem Grunde,
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Strecket er Wipfel und Nebenzweige,

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Wird Baum, erzeuget Aeste. Sein waldig Haupt
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Erraget Wolken, schattet Gebirgen selbst.
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Rhein, Weser, Elbe, Weichsel, Donau
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Tränken die Tausende seiner Wurzeln.

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Er blüh't, und reifet Samen. Der Winde Zug
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Verträgt die reifen Körner in Ost und West
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Und Süd und Nord. Vom Mutterstamme
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Fallen sie ferne, gewinnen Erde.

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Ein Korn (vergeßt, o Söhne von Teut, es nicht!
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Sind schon dazwischen lange Jahrhunderte)
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Flog einst den Rhein hinüber, grub sich
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Keimend in sonnenerhitzte Schollen,

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Und trieb Geschoß und Wipfel, und eiferte
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Mit seinem Mutterstamme. Gar oft erscholl:
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»und wer, wer ist denn meine Mutter?«
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Aus des erregteren Wipfel's Höhen.

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Da stürzten Felsenklumpen, dem Wanderer
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Unübersteigbar, gräßlich an's Ufer her,
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Und jeder Uebergang des Rheines
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Barg sich in feindliche Dorngebüsche.

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Therese kam. »Wie lange schreckt es noch
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Am Rheine?« war ihr Wort, dem Mann' ein Wink,
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Der ihre große Seele ganz versteht
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Er sah' der Felsenklumpen wilden Sturz,
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Der Dorngebüsche feindliches Gewirr'
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Mit jener stillen Geisteshoheit an,
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Die seiner Herrscher ihn so würdig macht.
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Sie schwanden weg.

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Wie sollten sie nicht schwinden?
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Denn mußte nicht Antonia,
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In welcher sich verjüngt die Göttermutter sah,
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Den Weg gebahnet finden,
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Um an des Frankenkönig's Hand
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Zwei Völker durch ein ewig Band
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Der holden Eintracht einzuweih'n,
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Und Deutschland's Ehre, Frankreich's Lust zu seyn?

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Holder Sonnebot!
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Letzter aller Sterne,
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Schweb' hinan! Der Tagesgott
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Folget dir aus heller Ferne.

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Er kömmt! Zwar will er seine Stralen decken,
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Sucht Dunkel um sich her zu streu'n.
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Allein, wie kann des Lichtes Urquell Schatten wecken,
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Er, was er ist, nicht seyn?

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Sein klein Gefolg – ja klein, wenn Arbeitsliebe,
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Wenn Einsicht, Klugheit, Mäßigkeit,
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Wenn Wißbegier und Menschenhuld zurückebliebe,
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Das herrlichste Geleit,

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Das schon heran vom nachbarlichen Rheine
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Den niegeseh'nen Fremdling schmückt,
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Und mehr, als Purpur, Silber, Gold und Edelsteine
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Der Franken Aug' entzückt.

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Sie steh'n geblendet, rufen: »Dieser wäre,
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Der Deutschlands hohen Machtstab hält!
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Herr ungezählter Völker, ungezählter Heere,
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Der erste dieser Welt?

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Er wär' es, den wir ruhig wandeln schauen
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Von Menschenfluthen weit umringt,
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Als ging' er, fernes Wien! in deinen Frühlingsauen,
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Wo jede Kehl' ihn singt?

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Er wär's, auf dessen heit'rem Angesichte
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Die Güte seelefassend wohnt,
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Den Gruß zurücke gibt, dem mindesten Berichte
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Mit holdem Danke lohnt?

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Er, der in Ludwig's Burg mit gleichem Fuße,
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So, wie in Pflügerhütten, steht,
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Und von der zartgeliebten Schwester Herzenskusse
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Zu siechen Armen geht?

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Nun zusieht, wie gereizt von Waffenruhme
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Das Feld im Lustgefechte blitzt,
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Nun in der Kunst und Weisheit stillem Heiligthume
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Mit Lehrlingsblicke sitzt,

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Und nun von Jedem, was er sieht und höret,
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Mit solcher Meistereinsicht spricht,
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Daß, wer den Einzigen nicht kennen sollte, schwöret:
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Er hat nur diese Pflicht! –

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Ha Franz und Heinrich, und ihr Ludewige!
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Werth bleibt ihr ewig uns und groß;
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Doch gönnt der Sonne, die nun stralet, ihre Siege!
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Sie stralet mackellos.«

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So schallt es von den Thürmen an der Seine
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Den fernen Pyrenäen zu,
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Und kreis't an zweien Meeren, kehret zu dem Rheine.
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Mein Deutschland! horchest du?

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Beim Zeugnisse so vieler fremden Zungen
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Wie hoch muß dein Entzücken seyn!
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Noch einmal sei's empfunden, einmal noch gesungen:
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O Fürst! so groß – und mein!

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Heil allen Herrschern, die in seinen Tagen
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Allvaters Hand der Erde lieh!
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Durch seinen Aufschwung wird ihr Stand emporgetragen.
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In Joseph glänzen sie.

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Und Heil uns allen deutschen Biederleuten!
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Der fühl' ihn mit, der fühlen kann,
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Groß ist der Stolz und schön: Ich lebe Joseph's Zeiten,
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Bin selbst sein Unterthan!

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O Fürst und Mensch! – O Tugendfreund und Weiser,
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Der größten Mutter größter Sohn!
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Es lohnet Harfe – nein, für einen solchen Kaiser
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Hat Harfe keinen Lohn!

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So sang ich seine sechste Reise. Doch
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Ich fühle, daß mit jeder Reise sich
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Mein Adler immer mehr dem Blick' entschwingt.
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Mein Spiel erschlafft, und meine Stimme bricht.
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Wer hielt's auch mit dem Unerreichlichen?
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Ich müßte Joseph unter Barden seyn,
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So wie er Joseph unter Fürsten ist.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

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