Die erste Reise

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Michael Denis: Die erste Reise (1764)

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Herauf, o Sonne! Lange schon harret dir
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Der Bard' entgegen, welchen der Hahnenruf
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Aus seelenhebenden Gesichtern
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Mitten in seinem Gewölbe weckte.

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Herauf, o Sonne! Röthe mein Saitenspiel
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Mit einem deiner Erstlinge! denn mein Herz
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Ist voll von Joseph. Nur dein Anglanz
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Mangelt. Erschein'! und Gesänge reifen.

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Sie kömmt! die Blume schleußt ihr den Busen auf.
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Der Thau der Wipfel blitzet ihr Gold zurück,
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Und tausend rege Lüftesänger
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Lösen in Freudegetön' die Kehle.

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So kömmt zu Völkern, welche das Meer von uns,
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Von uns die Kette steiler Gebirge trennt,
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So kömmt zu Völkern Joseph. Herzen
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Schließen sich auf, und gethürmte Städte

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Tief aufgereget schmücken ihr luftig' Haupt,
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Und kleiden sich in Feier, und himmelan
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Erschallt von hunderttausend Lippen:
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Heil dem Gebiether der deutschen Erde!

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Heil sey dem ersten Sohne Theresien's!
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Dem Heldenenkel, Herzeneroberer!
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Dem wunderbaren jungen Manne!
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Weiser, Genügsamer, Holder, Heil dir!

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Wem jauchzt ihr? Völker! Städte! wem feiert ihr?
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Wem schließen alle Herzen so weit sich auf?
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Tön't, Saiten! tön't den Stolz des Barden!
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Tön't ihn gewaltiger! er ist unser!

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Ihr seht ihn, Völker! Deck't ihn ergrab'ner Werth
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Von einer halben Erde? Beschwert er
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Von Silber helle Räder? Folgen
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Seinem Gespanne die bunten Horden

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Geschmückter Diener? Blitzet ein fürchterlich'
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Gemisch entblößter Wehren um Joseph her? –
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Und dennoch jauchz't ihr? Aechter Größe
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Jauchzet ihr, Völker! – Und er ist unser!

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Ihr seh't sein menschenfreundliches Angesicht,
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Sein Aug' voll Herz auf Grüßende zugewandt.
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Ihr hör't ihn Weisheit, Güte sprechen,
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Staunet und liebet. – Und er ist unser!

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Ihr seh't ihn, Völker! wenn er dem Ewigen
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In seinen Hallen gläubige Kniee beugt.
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Ihr seh't, und wünschet allen Erden
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Herrscher, wie Joseph. – Und er ist unser!

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Das ist er! Harfe, töne des Barden Stolz,
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Den Stolz der Kinder Teut's, den entzückenden,
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Den wonnetrunkenen Gedanken:
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Joseph der zweite so groß – und unser!

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Und sängen alle Barden der Kinder Teut's
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In ihre besten Harfen, er bliebe doch
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Unaugesungen der Gedanke;
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Seelen empfinden allein die Süße,

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Dem Göttlichen zu dienen, sein Eigenthum,
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Und seiner Sorgen einziger Zweck zu seyn,
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Der voll des Vaters und der Mutter,
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Eh' noch die Wange sich männlich bräunte,

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Noch eh' der Herrscher Gold ihm vom Haupte schien,
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Schon Herrscher seiner selber, entadelten,
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Oft thronerschütternden Begierden
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Niemal den himmlischen Busen aufschloß;

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Den, nur von Recht und Einsicht und Mäßigkeit,
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Der Erdegötter schönsten Gefährtinnen,
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Begleitet, an die Grenzen seines
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Mächtigen Erbes die Liebe seiner

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Getreuen hinzog
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Verachtend, und zur krieg'rischen Arbeit sich
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Mit Lust erhärtend, der im Frieden,
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Aehnlich dem Adler am Felsengipfel',

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Mit wachem Auge ruhet, und adlerschnell
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Auf Störer seiner Ruhe sich niedersenkt.
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Sie bluten, liegen, und der Sieger
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Schwebet zurücke zum Felsengipfel.

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Dann wirbelt heller Siegesgesang ihm nach,
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Gestürmt in deutsche Saiten, und Joseph horcht;
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Nicht Sänger fremder Zungen, deutscher
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Heldenton reize den deutschen Herrscher!

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Und kann der Ausbruch meiner Empfindungen,
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Und meine Saitengriffe den Göttlichen
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Nur einen Augenblick der hohen
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Erdebesorgenden Bürd' entlasten,

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Dann soll dich, meine Scheitel! ein Eichenkranz,
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Der Hauptschmuck deutscher Barden verewigen,
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Und junges Eichenlaub in jedem
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Monde der Blüthen dich, Harfe! zieren.

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Manch' vaterländisch' Bardenlied höret dann
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Die langverwöhnte Donau zur Abendluft
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Aus nahen Espenhainen schallen
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Ihrem erhabenen Herrscher heilig.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

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