Entweihe sie nicht, die Gesangkraft!

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Michael Denis: Entweihe sie nicht, die Gesangkraft! Titel entspricht 1. Vers(1764)

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Entweihe sie nicht, die Gesangkraft!
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Als sie vom Himmel herniederfuhr,
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Säuselten Namen ihr nach:
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Botinn Allvaters, Seelenerhöherinn,
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Herzenschmelzerinn, Tugendbelohnerinn!
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Sänger! entweihe sie nicht!

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Dieß lehrten dich nicht die Barden der Vorzeit.
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Sie sangen umstanden von Knaben.
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Was trugen vom Liede die Knaben? Entschluß,
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Bieder und tapfer, so wie die Väter, zu werden.
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Sie sangen umsessen von Mädchen.
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Was trugen vom Liede die Mädchen? Entschluß,
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Häuslich und treue, so wie die Mütter, zu werden.

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Aber entmanntest du dich,
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Von bangen, unwilligen Saiten
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Thierbrunst empörende Klänge zu reißen;
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Sprudelte giftiger Unflath
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Von geilheittrunkenen Lippen
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Ueber dein üppiges Harfenspiel ab,
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Daß sich dem Knaben die Wange verfärbte,
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Daß sich das Mädchen im Schleier barg;
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O dann, Entweiher der hohen Gesangkraft!
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O dann blicke nicht auf, wo sie herniederfuhr!

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Athme nicht auf: Was frommet es dir?
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Du sogst vom Schlamme der Pfütze.
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Rein ist es oben. Warum
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Hauchtest du Nebel in's Reine?
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Und sängest du schöner, als einer der Barden
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Die Wunder Allvaters, und Gräber hinüber
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Verherrlichter Liebenden Wiederumarmen,
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Und Lehren der Weisheit, und Preise der Tugend –
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Schweig! Blicke nicht auf! Athme nicht auf!
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Du sogst vom Schlamme der Pfütze.

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Noch starb in manchem unbewahrten Ohre
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Der letzte deiner schnöden Klänge nicht,
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Noch sprüht von deinen Liedern loh gefächelt
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In manchem Busen wilde Glut.
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Und jetzo lehrtest du die Weisheit?
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Und jetzo priesest du die Tugend?
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Auf eben diesen Saiten?
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Aus eben diesem Munde?
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Schweig, feiler Heuchler! Deine Lehre
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Verführet, und dein Preis ist Schändung;
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Denn unentschieden, unentschieden ist dein Herz!

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Da steht ein ehrenwerther Barde
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Die Brust voll Gottheit, und voll Liebe
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Zum Glücke seiner Miterschaff'nen,
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Mit treuen Sorgen an der Stirne,
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Mit Eiferthränen in dem Auge,
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Mit edlem Feuer auf den Wangen
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Im Kreise seines Volkes auf.
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Allvaters Rechte verkündet sein Lied,
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Erhebet den Adel der Tugend,
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Den glänzenden Lohn der Pflichtenerfüllung.
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Er schleußt. Und jetzo wandelt's leise
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Durch der Hörer Menge fort:
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Schön! Doch wann beginnt er uns von Wollust
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Eben ein so schönes Lied zu thauen?
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Auch in seinem Harfenspiele
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Wohnet ungezweifelt Wollust
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Wäre denn von and'ren Harfen
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Sie, die seine, nur verschieden?
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Wär' er nicht, wie der und jener Sänger,
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Der uns jetzo feurig von Allvater,
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Jetzo feurig von der Wollust sang?

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Sined! hülle dich ein!
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Geuß Nacht der Klagen her um dich
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Ueber deines Volkes Weisen,
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Die so schön nicht leben, wie sie lehren,
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Die aus einem Munde
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Tugenden und Lüste preisen!
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Klage, Sined! über deines Volkes Schaden,
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Das von solchen zweigezüngten Sängern
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Irrgeleitet göttliche Gesangkraft
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Nur für feile Laune,
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Nur für spielende Verstellung hält.

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Aber heilet deine Klage diesen Schaden?
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Schweig, und hülle dich ein!
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Zu breit, zu rasch ist der Strom.
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Ihn dämmet, o Barde! dein Lied nicht.
81
Nur Erdegötter könnten ihn dämmen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

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