Klagen will ich. Du gönnst es mir endlich

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Michael Denis: Klagen will ich. Du gönnst es mir endlich Titel entspricht 1. Vers(1764)

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Klagen will ich. Du gönnst es mir endlich,
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Milder gewordenes Herzeleid!
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Klagen will ich. Du hörest mich, Winterhain!
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Denn bist du nicht selber ein Kläger?
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Ein Kläger deines abgefall'nen Laubes
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Ein Kläger deiner ausgestorb'nen Schatten!
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Zwar dein Klagen stillt der Lenz,
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Bringt dir Laub und Schatten wieder;
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Aber soll dem Barden
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Seine Freude wieder werden,
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Die der Tod ihm vom Herzen riß?

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Klein, voll Unschuld war sie, meine Freude,
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Sittsam grau war ihr Gefieder,
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Glänzend schwarz war ihre Scheitel.
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Ach ich denke noch den Tag des Herbstes,
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Da sie durch die falben Hecken
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Dürstend zu der Quelle strich,
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Die mit meinen Mistelruthen
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Rund umpflanzet war.

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Da fing ich dich, Sänger der Wipfel!
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Wie schlug dir der Busen! wie sträubtest du dich!
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Denn kanntest du damal mein Herz?
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Aber bald lehrte die freundliche Miene,
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Die niedliche Speise, die reinliche Pflege,
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Mein lispelnder Mund
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Deinen Wirth dich kennen.
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Und jetzo vertrugen dein tonvoll Geschlecht
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Schon zehnmal die letzteren Hauche des Herbstes
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Zu wärmeren Himmeln,
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Und zehnmal kehrte dein tonvoll Geschlecht
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Im ersten Hauche des Lenzes,
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Und sang vom hohen Schottendorne
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Den Gruß in mein einsam' Gemach dir zu,
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Und hörte den freundlichen Dank von dir. –
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Tonvoll Geschlecht meines Entrissenen!
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Kehrst du wieder diesen Lenz,
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Singe nimmer deinen Gruß
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Von dem hohen Schottendorne!
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Still ist mein einsam' Gemach.
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Ich höre den Gruß, und mir blutet das Herz!

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Uebel vergaltst du dem Barden die Wohlthat,
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Du frosterstarreter Hund!
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Dich hatt' ich in grimmiger Winternacht
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Unter mein wärmendes Dach genommen.
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Ich kehrte zurücke.
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Wedelnd kamst du mir entgegen,
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Und mit dir ahnungsvoller Schauer –
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Ich riß mich hinein.
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Da gab die kleinste Saite
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Meines ruhenden Harfenspiels
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Einen Wehlaut, dem letzten Seufzer
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Scheidender Liebenden ähnlich.
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Da lag mein alter, treuer Lebenszeuge
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Erwürgt, zerfiedert auf der Erde!
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Undankbarer Gast! – Aber konnt' ich damals klagen?

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Klagen will ich. Nun gönnt es mir endlich
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Mein milder gewordenes Herzeleid.
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Fröhlich war mein Erwachen zur Morgenfeier;
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Denn mein Erwachen war mitten in Liedern.
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Barde! wach' auf! schien mir mein Sänger zu sagen:
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Schön ist der kommende Tag,
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Glänzend der Wiesenthau, lieblich die Blumenduft.
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Barde! wach' auf!
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Lächelnd erhub ich mich dann, und lobte die Gottheit mit ihm,
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Die uns den Wiesenthau, die uns den Blumenduft,
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Die uns den schönen kommenden Tag verlieh.
67
Ach nun lob' ich die Gottheit allein!

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Hatt' ich, Tugend! dir, Vaterland! dir,
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Und dir, göttliche Bardenkunst!
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Jeden geschäftigen Tag hindurch
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Manchen blühenden Heldensohn
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Würdig zu bilden gesucht,
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Hatt' ich sein deutsches Herz
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Wider das fremde Verderben bewacht;
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Schied nun der Tag,
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Glühte das Abendroth, folgte der Mondenglanz,
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Warf ich mich nun dankend der Gottheit hin;
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Siehe! da nahte durch Schatten mein Sänger sich,
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Dankete lispelnd der Gottheit mit mir,
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Die uns das Abendroth, die uns den Mondenglanz,
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Die uns den schönen scheidenden Tag verlieh.
82
Ach, nun dank' ich der Gottheit allein!

83
Wenn mich in Stunden heiliger Trunkenheit
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Die Barden alter Tage besucheten,
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Wenn Oscar's Vater
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Auf deutschen Saiten lächelnd horchte,
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Und mich verweg'ne Griffe lehrte;
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Wenn auf ihren Wirbeln hergetragen
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Werdomar und Rhingulph
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Wenn bei mir aus dem hohen Norden
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Regner, Egill und Thorlaugur,
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Und der spröden Elisif Skalde
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Und von Zeiten sprach, da Gesang und Harfen
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Unverstimmt von der Fremden Künsteleien,
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Unverachtet von den Menschenherrschern,
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Nur Empfindung in die Seele goßen;
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Damal gab mein kleiner Sänger,
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Er der Zeuge meiner Wonne,
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Voll der Ehrfurcht keinen Laut;
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Denn da war mein Gemach, wie Walhalla. –
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Aber schieden sie zischend auf Winden
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Ueber den schattenden Wipfel
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Des Schottendornes hinweg,
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Dann sang er den Scheidenden Urlaub nach.
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Sie blickten zurück, und lächelten Dank;
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Nun blicken und lächeln sie nimmer zurück!
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Nimmer kömmt mir Antwort,
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Wenn ich dich mit Namen nenne,
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Die sich meine Liebe schuf.
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Nimmer pickst du mir, hold' Geschöpf!
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Süßes Brod von den Lippen.
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Nimmer brütest du mir zwitschernd
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In der hohlen Hand,
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Nimmer trag' ich dich in den heit'ren Nächten
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Auf dem Finger an das Mondenlicht. –
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Zwar spiegelten die Sterne sich in deinem Auge,
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Du schliffst dein Schnäbelchen, und hubst die kleinen Schwingen,
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Die Gegend im Monde gefiel dir;
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Aber du hieltst dich am Finger fest.
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Und dennoch bist du mir entrissen! –
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Alle meine Freuden
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Sterben nach und nach um mich.
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Bald hab' ich nur dich, Bardengesang!
124
Und euch, gefällige Freunde,
125
Und dich, ermunternder Blick in's andere Leben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

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