Traurig ist der Tag!

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Michael Denis: Traurig ist der Tag! Titel entspricht 1. Vers(1764)

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Traurig ist der Tag!
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Von der Himmelstochter
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Blicken ungetröstet
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Dämmert er dahin.
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Graue Nebelsäulen
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Steigen von Gebirgen.
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Endlos ist der Wolken Zug. –
8
Ha, du bist von meinem Herzen,
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Tag, ein Bild!

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Traurig ist mein Herz. –
11
Hat im deutschen Vaterlande
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Je sein Volk ein Barde
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Mehr geliebt, als ich,
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O so reiße diese Saiten,
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Von der Schwermuth schlaff gelassen,
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Unter meinen Griffen
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Unsichtbare Kraft entzwei!

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Und dennoch – ach der Zeiten! –
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Empört sich mir ein Lied im Herzen,
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Und greif' ich nach dem Harfenspiele,
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Sey's in der Winterhalle,
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Sey's in der Eiche Schatten,
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Und steh'n die Kinder meines Volkes
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Dem Liede lauschend her um mich;
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Und hat das Lied nun ausgequollen,
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Dann seh' ich manches Nackenschütteln.
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Dann hör' ich manches Hohngeflüster:
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»die Fremden singen besser.
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Wer mag sein Lied versteh'n!«
30
Dann sinkt mein Haupt auf's Harfenspiel.
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Ein Seufzer reißt sich aus der Brust,
32
Und jede Saite winselt
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Ihm leise leise nach.

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Kinder meines Volkes!
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Soll ein deutscher Barde singen,
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Und sein Herz wüßte nichts davon?
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Ist die Wolke nicht des Blitzes,
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Und das Herz nicht der Lieder Sitz?
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Und wie geußt ein volles Herz sich aus?
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Strömt es nicht drängend und gewaltig,
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Unaufhaltsam, seelenfassend
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Seinen Inhalt fort?

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Spricht es nicht Heldensprache, Geistersprache? –
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Ha! »Wer mag sein Lied versteh'n!«
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Kinder meines Volkes! jener,
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Der Allvaters hohe Gabe,
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Der den Funken des Gefühles,
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Der den Saamen der Empfindung,
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Als er ward in ihn geleget,
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Nicht ersticket hat.

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Kinder meines Volkes!
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Ein verderblich Wort
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Haben euch die Fremden angehauchet.
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Dieses Wort kannten eure Väter nicht.
55
Barde! sprachen eure Väter:
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Gib uns Liebe, gib uns Klagen,
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Gib uns Lust zu großen Thaten,
58
Gib uns Muth für's Vaterland zu sterben!
59
Keiner sprach: Gib uns Witz!
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Witz ist eine kalte Wasserblase,
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Die sich an der Sonne färbet,
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Und zerschellt,
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Witz ein frostiges Behagen,
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Das mit Träumen niedersteiget,
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Und am Morgenstrahle schwindet.
66
Schmelzet Witz ein Herz?
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Röthet Witz die Wange?
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Locket Witz die Thränen?
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Und soll Witz, soll Witz im Liede seyn?

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Und könnte denn nicht auch Sined vor euch
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Mit kalten Wasserblasen sich äffen?
72
Und könnt' er nicht auch
73
Ein frostig Traumbehagen euch schaffen? –
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Aber sein Herz gibt ihm ein lautes Verbot.
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Greis Ossian in dem Geleite
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Der Barden und Skalden besucht ihn.
77
Er höret am schweigenden Monde
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Gesänge vergangener Alter,
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Wie kann er?

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Harfe! daß noch etwa Zeiten kommen
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Uns'rer Arbeit hold.
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Daß noch etwa Menschen sprechen:
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Uns're Väter haben Sined,
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Und sein Lied verkannt.
85
Aber eines Neugeweihten
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Bist du dann vielleicht,
87
Und auf meinem Hügel
88
Sprossen Ringelblumen,
89
Sprosset lange Wermuth auf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

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