Erste Klage

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Michael Denis: Erste Klage (1764)

1
Schauerndes Lüftchen! woher?
2
Trüb ist der Tag. In dem entblätterten Haine
3
Weder Kehle noch Fittig. Kein Schwan berudert den Teich.
4
Voll der Winterbilder sitz' ich einsam
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Auf mein Saitenspiel gelehnet,
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Da kömmst du, Lüftchen! schwirrest mir
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So kläglich, so kläglich die Saiten hindurch.
8
Ist es nicht Hauch des Grabes?
9
Ist es nicht Sterbeton?
10
Hat uns ein Held, ein Barde verlassen?
11
Schauerndes Lüftchen! woher?

12
Von dem Gestade der düsteren Pleiße
13
Komm' ich, o Barde! zu dir. Dort hab' ich geflattert
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Um Gellerts Grab.
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In Blumen konnt' ich nicht seufzen;
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Noch öde steht, bis ihn der Lenz
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Mit Blumen deckt, des Grabes Hügel.
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Ich hab' in blätterlosen Sträuchern
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Umher geseufz't.

20
Lüftchen, genug! Kein stürmender Nord
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Soll dich verschlingen, zärtlicher Trauerbot'!
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Und ihr hinab, Saiten! hinab
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Zur dumpfen, grabetiefen Todesklage!
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Er ist hin, euer Lehrer, Kinder Teuts!
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Er ist hin, euer Führer, Bardenchöre!
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Er ist hin, dein Verkünder, Tugend!
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Deine Freude, Jüngling! Mädchen! deine Lust.
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In der Pleiße Rauschen
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Quollen seine Lieder.
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Ach, die Pleiße rauschet;
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Aber nimmer, nimmer
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Quillt von ihm ein Lied darein!
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Seufzet, Ufer!
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Blumen an den Ufern
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Erlenschatten an den Ufern!
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Nimmer, nimmer quillt von ihm ein Lied darein!

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Vom Tannenberge wälzet sich manch' trüber Gießbach
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Und nun entspringt am Fuße des Berges
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Ein laut'rer, himmelheller Quell.
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Schnell hüpfen die Kinder des Waldes
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Vom trüben Gießbach', und trinken den Quell:
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So zogst du die dürstenden Völker an dich. –
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Die Bienenköniginn sammelt ihr zahllos Heer,
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Und führt es auf Wiesen voll Frühling's,
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Und jede vom Heere
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Kömmt honigträchtig zurück:
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So setztest du den Söhnen Teuts
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Die Süße deines Herzens in Bardenlehren vor!
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Und dieses Herz durchgrub des Todes Stachel!
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Trauert, ihr Völker! trauert, ihr Söhne Teuts!
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Der Quell ist versiegt! der Frühling erstorben!

52
Ein Jüngling war ich, und jeglicher Trieb
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Zur vaterländischen Bardenkunst
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Lag noch in meiner Brust in zweifelndem Schlummer.
55
Ich hörte dein Lied, und jeglicher Trieb
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Entriß sich dem zweifelnden Schlummer
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Und horchet mir itzo mein Vaterland,
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Und thuen mir ältere Barden
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Ihr freundliches Herz auf,
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Und schändet meine Scheitel
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Den heiligen Eichenzweig nicht,
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Dir bin ich es schuldig. O nimm, was ich vermag,
63
Ein Lied und Thränen! –

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Aber hinauf, Saiten, hinauf
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Zur hellen, himmelhohen Zukunft!
66
Mein Auge durchstrahlet das Wintergewölk',
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Erblicket ihn, den satten Lebensgast,
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Unter den Barden der Vorwelt.
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Ein großes Erstehen
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Von allen Wolkensitzen
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Dem Lehrer der Tugend,
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Dem Sittenverbess'rer,
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Dem Feßler der Herzen,
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Dem holden, menschenfreundlichen Weisen.
75
Wie dünnere Frühlingsnebel
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Von der gebärenden Flur,
77
So schwindet die zärtliche Schwermuth
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Von dem Gesichte des Barden.
79
Aus den Umarmungen ewiger Sänger
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(ach nicht ewig für uns! Die neidische Zeit
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Entriß uns ihre Sitten, ihr Lied,
82
Ihr Lied in freien Eichenhainen,
83
Ihr Lied im Mahle tapfrer Fürsten,
84
Ihr Lied im lauten Schlachtgetümmel
85
Unter bemaleten Schilden
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Hervorgebraust!)

87
Aus den Umarmungen dieser Sänger
88
Blicket er lächelnd herab
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Auf sein geliebtes, erdewallendes Geschlecht,
90
Und sieh't sich von Enkel zu Enkel
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In seinen Gesängen hinwieder geliebt, verewigt;
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Und höret die Kinder der Fremden
93
Am Rhein und am Po
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In ihren Zungen
95
Und Deutschland segnen, dem der Himmel
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Einen Gellert gab.

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Also mein Lied zur traurigen Wintergegend.
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Aber du, Lüftchen! bist du noch hier
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Im blätterlosen Ahorngange,
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So nimm dir die besten Töne daraus,
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Und decket der kehrende Lenz
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Den Hügel des Barden mit Blumen,
103
Dann seufze sie nach in jenen Blumen,
104
Derer Haupt am Hügel
105
Schwerer und gesenkter ist.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

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