Erwache, Freund der Vorzeit! Sined, auf!

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Michael Denis: Erwache, Freund der Vorzeit! Sined, auf! Titel entspricht 1. Vers(1764)

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Erwache, Freund der Vorzeit! Sined, auf!
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Der Mittag deines Lebens ist vorbei.
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Sieh mir in's Antlitz! Ich erscheine dir
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Nicht mehr so oft, als ich erschienen bin.

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Wer flüstert mir in meine Träume? Graut
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Der Morgen? – Ha, du bist's, du kehrest, Tag!
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Mein erster Tag, als auf Allvaters Wink
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Durch mich die Zahl der Erdekinder wuchs!
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Sey mir willkommen! Früher Harfenklang,
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Und warmer Herzenausbruch feire dich,
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Da noch kein Liederzeuge mich umsteht.

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Sey mir gegrüßet, o Tag! an welchem ein zärtlicher Vater
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In die gefälligen Arme mich nahm,
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Einer erwartenden Mutter das erstemal reichte, die freudig
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Ueber dem Sohne der Wehen vergaß,
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Freudig den eigenen Busen mir bot. Ich konnt' ihr nicht danken;
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Aber als itzo mein keimender Geist
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Seine Geschäfte begann, mein Aug' mit Seele sich umsah,
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Lispel der Liebe mir sprachen in's Herz,
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Tag! du weißt es, wie sehr ich sie liebte! So oft ich von ihr ging,
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Weisheit zu suchen, so sah mich die Nacht,
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Sah mich der Morgen in Thränen; und dennoch liebt' ich die Weisheit
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Mehr, als der Jüngling das Lächeln der Braut.
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Aber als itzo vom Himmel das Loos, in weiser Druiden
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Schooße mein Leben zu leben, mir fiel,
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Als ich die Heimath verließ, die Donau den Rücken mir anbot,
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Stand sie, die Zärtliche, die mich gebar,
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Weinend am Ufer, und gab mit wehendem Schleier der Liebe
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Zeichen dem Sohne, bis endlich der Strom
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Ihren Geliebten vertrug. Ich habe sie nimmer gesehen.
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Lange schon decken ihr frommes Gebein
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Herbstliche Blumen; allein in Sineds Seele gegraben
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Lebet verehret ihr ewiges Bild.
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Den auch, der mich erzeugte, den hab' ich nimmer gesehen.
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Lange schon hub sich sein Hügel empor.
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Ach mein Vater! Du erster, der Liederkenntniß mich lehrte!
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Ach noch erblick' ich die Stunde vor mir,
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Da du dem Knaben vom ewigen Liede des Römers erzähltest,
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Welcher die Künste der Bienen besang.
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Thiere, die waren mir immer so lieb. O gib mir den Sänger,
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Vater! ich will ihn, ich muß ihn versteh'n!
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Also begann ich. Noch herrschten die Lieder der Fremden. In Erde
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Schlief noch mit Helden der Bardengesang.
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Vysen schollen noch nicht die nordischen Fluthen herüber,
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Hermann durchtönte den Eichenhain nicht.
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Ach mein Vater! du redlicher, weiser und warmer Gesangfreund!
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Hättest du Lieder von Selma gehört,
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Hättest du Sined geseh'n im Kreise der Barden, dein Antlitz
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Hätte vor inniger Wonne geglänzt! –

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Aber hängst du denn nicht am Arme von deiner Geliebten
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Jetzo den thauenden Himmel herab?
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Hörst du mich nicht? – Ihr höret mich, Aeltern! Allvater der mißt euch,
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Wie ihr einst masset, hier oben zurück.
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Liebe zu seinen Geboten, und Sorge für Kinder, und stilles
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Dulden, und Hände, dem Darber gestreckt,
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Warfen ein helles Gewand um euere Schulter, und wanden
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Eueren Schläfen den ewigen Kranz.
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Blickt ihr noch lange zu Sined herab, und soll er in eurer
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Frohen Gesellschaft noch lange nicht seyn?
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Oder erscheinet der Tag, an dem ihr mich einstens umarmtet,
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Den ich heut feire, das letztemal mir? –
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Wie es Allvater gebeut! Ich will nicht forschen. Er wird es,
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Wie er es anfing, vollenden mit mir,
64
Gnädig vollenden! Mein Abschied von hier ist lange gesungen,
65
Lange den Freunden des Liedes bekannt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

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