Held Theuerdank

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Anastasius Grün: Held Theuerdank (1842)

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Schon strahlt auf alle Lande das Frühroth hell und warm,
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Da lehnte Max im Sammtstuhl, ein Buch hielt er im Arm;
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Das Buch war's seiner Thaten, genannt der Theuerdank,
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Der Spiegel seines Lebens, sein eigner Schwanensang.

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Er liest in seinen Thaten! – Der Engel, der gesandt,
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Die Augen ihm zu schließen, schwebt schon gen Oestreichs Land.
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Er liest in seinen Thaten! – Ihr Fürsten, blickt nun her,
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Lernt, was kein Mönch euch lehret, zu sterben so wie der.

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Er liest, wie Junker
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In Flammen und in Fluthen zur Kurzweil ihn gesandt,
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Und wie der Meuchler
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Den Fels auf ihn geschleudert, den Leu auf ihn gehetzt.

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Er liest es, sieht nach oben und preist der Gottheit Kraft,
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Die Noth, Gefahr und Drangsal so siegreich weggerafft,
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Die ihn aus hartem Kampfe mit Element und Natur
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Gesund und glorreich führte, ja doppelt kräftig nur!

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Er liest nun fort, wie
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Ihm gern vom Haupt gerissen so Kron' als Lorberreis
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Und Heere gen ihn sandte, gewaltig zu Roß und Schiff,
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Den Gifttrank für ihn mischte und Meucheldolche schliff.

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Er liest's, greift an den Busen und preist des Menschen Kraft,
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Die herrlich sich bewährte im Kampf der Leidenschaft,
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Sie, die im Streit der Herzen sein großes Herz ließ siegen
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Und in dem Streit der Schwerter sein Schwert nicht unterliegen.

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Fort liest er; blühend liegt nun vor ihm die ferne Zeit,
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Es nahn der Jugend Bilder in Schaaren, dicht gereiht,
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Die alten Kampfgenossen entsteigen froh der Gruft,
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Und Morgenroth umhaucht sie, Freiheit und Bergesluft!

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Im weißen Brautgewande, mit grünem Myrthenzweig,
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Steht vor dem Kaiserjüngling Prinzessin
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Da glänzt das Antlitz Maxens hell wie des Morgens Strahl,
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»maria!« schluchzt er leise, – »Maria!« verhallt's im Saal.

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Es glüht ein mildes Lächeln auf seiner Wang' empor,
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Und eine helle Thräne bricht aus dem Aug' hervor;
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Es hat sich still zum Busen sein Haupt herabgebeugt,
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Und zu den Knieen mählich nun Buch und Hand geneigt.

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So fanden ihn die Seinen; so saß er regungslos,
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Das Denkbuch seiner Thaten lag offen in seinem Schooß.
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Mild glomm das letzte Lächeln, das um den Mund ihm stand,
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Klar hing die letzte Thräne an seiner Wimpern Rand.

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Und feuchten Auges knieten jetzt nieder All' im Kreis
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In feierlichem Schweigen um den entseelten Greis. –
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Seht, wie ein Fürstenleichnam so herrlich sich verklärt
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Und leicht des Schlachtentodes und Trauerpomps entbehrt!

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Der Tag, da Max gestorben, ist Nacht für Oesterreich,
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Gebrochen alle Herzen, jed' Aug' an Thränen reich!
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Und doch glüht kein Komete, kein Sturm verheert das Land,
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Kein Todtenvogel wimmert, kein Städtchen steht in Brand.

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Nein! glänzend strahlt der Himmel, und Frühlingslüfte wehn,
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Voll Reben glühn die Hügel, voll Segen die Thäler stehn,
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Frisch grünen Wald und Wiese, die Quellen sprudeln klar,
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Im Aether jubeln Lerchen, zur Sonne steigt der Aar!

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Hart an der Burg zu Neustadt steht eines Schreiners Haus,
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Da tönt ein Liedlein täglich in dumpfem Klang heraus,
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Der greise Meister singt es in früh'ster Morgenstund',
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Uralt und silberhaarig aus welkem zitterndem Mund.

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Mehr denn ein halb Jahrhundert ist wohl seither verrauscht,
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Seit diesen Sang der Morgen zum erstenmal belauscht;
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Zwei Leben hat zum Ziele seither geführt die Zeit,
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Der Bürgerpflicht war eines, dem Thron das andre geweiht.

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Bunt war die Bahn des Königs, kein Tag dem andern gleich,
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Nun sonnenhell, nun stürmisch, bewegt und thatenreich;
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Einförmig sieht die eigne der Meister vor sich schweben,
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Kennt wer sein heutig Handeln, der kennt sein ganzes Leben.

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Da trat herein zur Werkstatt ein trüber düstrer Mann:
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»auf, Meister! Maxens Leichnam kam heut aus Wels hier an,
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Horch, wie ihn Glockenläuten und Priestersang begrüßt!
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Rasch für die Kirche bauen sollt ihr das Trauergerüst.«

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Der Schreiner thürmt die Balken als Leichenbühn' hinan,
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Vom selben Holz stand fertig ein Wieglein nebendran,
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Die Späne stäubten sprühend, und Säg' und Hammer klang,
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Dazwischen tönt im Takte des Meisters alter Sang:

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»wohin, ihr Reiterheere? Wohin, du trüber Kumpan?
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Wohin, ihr Schiffer zu Meere? Wohin, du Krückenmann?
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Ob schiffend, hinkend, reitend, All' hin ins Todtenreich!
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Daheim bleib' ich, bereitend die Särge mir und euch!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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