Abfahrt von Innsbruck

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Anastasius Grün: Abfahrt von Innsbruck (1842)

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Am Innstrand harrt ein Schifflein beim ersten Frührothschein,
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Da stieg, verhüllt im Mantel, der kranke Kaiser ein,
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Die treue Eichentruhe lehnt düster neben ihm,
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Fort schießt im raschen Strome das Schiff mit Ungestüm.

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Am Strande murmelt fragend nun Innsbrucks Volk im Kreis:
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Wohin so schnell und eilig, du düstrer Kaisergreis?
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Da schien von Maxens Lippen das Wort zurückzuwehn:
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Lebt wohl, lebt wohl! Nach Oestreich will ich nun sterben gehn!

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Es lehnt am Eichensarge sein Haupt, von Sorgen schwer,
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Zum Himmel blickt er düster und düster rings umher:
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»du schönes Land, dich liebt' ich so treu und inniglich,
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O wüßt' ich nur, ob glücklich mein Volk auch sei durch mich!«

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Die Fluth umrauscht das Schifflein, und schnell vor Maxens Blick
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Fliehn Thäler, Berg' und Flächen, Gehöft' und Stadt zurück;
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Wohin er blickt, sprießt Leben und Segen, Kraft und Fleiß,
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Wohin er horcht, klingt Freude und Jubelsang und Preis.

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Auf Wiesen klirrt die Sense, in Wäldern knallt das Rohr,
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Gewaltige Hämmer stampfen durchs Thal im Donnerchor,
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Und aus dem Schlund der Schlöte qualmt's riesig, dicht und grau,
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Da schien auf schwarzen Säulen zu ruhn des Himmels Bau.

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Und weiterhin dann Felder, die dicht voll Saaten stehn,
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Und Heerden, die fröhlich blökend auf grünen Alpen gehn,
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Und Mühlen klappernd im Thale, von Fluthen rasch getrieben,
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Die, sprühend, an den Rädern als Sternenregen zerstieben.

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Und rings auf allen Straßen lebendiges, heitres Drängen!
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Da stäubt's von flinken Reitern, die rasch zum Ziele sprengen,
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Da knarrt des Fuhrmanns Achse, von Fracht des Segens schwer,
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Und Wandrer wallen singend die sichre Bahn einher.

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Mit lustigem Ruderschlage, mit flatternden Wimpeln ziehn
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Im Strom viel rüstige Schiffe, wohl kreuzend her und hin,
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Von Schätzen voll und Waaren, reich bis zum tiefsten Raum;
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Doch Maxens Schiffer grüßen, nun stolz, die Brüder kaum.

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Sieh dort vor dem Gehöfte, in frischer Trift gelegen,
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Spricht heitern Blicks ein Landmann just über sein Kind den Segen
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Und lehrt's, in Drang und Nöthen sein Herz zu Gott zu wenden
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Und beten für gute Fürsten mit aufgehobnen Händen.

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Und Städte stehn am Ufer mit Mauern, schmuck und weiß,
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Glück wandelt durch die Straßen, in Häusern rauscht der Fleiß,
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Manch blühend, nickend Antlitz grüßt aus den Fenstern hervor,
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Und läutende Glocken tönen wie Dank an Maxens Ohr.

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Noch lehnt am Eichensarge sein Haupt, von Alter schwer,
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Doch selig blickt er aufwärts und selig rings umher;
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Wohl tief hat er verstanden der Antwort stummen Ruf
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Und fragt nicht mehr, ob glücklich sein treues Volk er schuf?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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