Die Wallfahrt

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Anastasius Grün: Die Wallfahrt (1842)

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Nicht fern von Terouanne hebt sich ein stattlich Schloß,
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Da saß nun Max beim Mahle, mit ihm manch treuer Genoß,
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Von Dendermond' der Abbas, des Kaisers alter Freund,
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Und Hofmann, Narr und Krieger saß da gar froh vereint.

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Die waren just gekommen vom heitren Jagen heim,
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Da ward erzählt manch Waidstück, da klang manch Waidmannsreim,
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Mit lust'gen Jägerschwänken ward reich das Mahl gespickt,
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Auf längst verdautes Wildpret aufs Neu' der Spieß gezückt.

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Horch! horch! da tönt ein Liedlein vom Grund des Thalesstegs,
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Wie Wallfahrtspilger pflegen zu singen unterwegs,
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Dazwischen klingt ein Glöckchen zum Schlosse sanft herauf,
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Daß Max von seinem Sitze fuhr leise horchend auf.

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Da stieß Herr Kunze ängstlich am Arm den Nebenmann:
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»stoßt schnell, um Gotteswillen, die Gläser zum Vivat an,
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Damit es übertäube dieß Teufelspsalmodein,
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Denn hört Herr Max solch Glöcklein, gleich treibt's ihn hinterdrein.«

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Da klangen die Becher zusammen so hell und grell mit Macht:
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»hoch lebe der tapfere Sieger in Guinegate's Schlacht!«
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Den drohenden Finger lächelnd hebt Max gen Kunz empor,
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Sein Antlitz still verneigend dankt er dem Jubelchor:

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»ihr ehrt den Sieg im Sieger, jedoch vergeßt drob nicht
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Des Starken, der ihn spendet und für uns Schwache ficht:
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Seht, Pilger ziehn fromm singend dort gegen Sankt Alban,
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Drum meint' ich, Freund und Brüder, wir schließen dem Zug uns an.«

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Da sprach Kunz von der Rosen: »Verzeiht, ich kann kaum gehn!
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Als ich von jenem Hügel der Schlacht jüngst zugesehn,
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Hab' ich vom langen Stehen das rechte Bein verstaucht,
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Auch hat der Dampf des Pulvers mein Aug' fast blind geraucht.«

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Stallmeister Emershofen hob nun halb grämlich an:
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»erlaubt nur, daß ich früher die Pferde satteln kann;
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Denn wenn zu Fuß wir gehen in Jägerstiefeln und Sporn,
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Verwickeln wir uns schmählich in Buschwerk, Gras und Dorn.«

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Aus seiner rechten Tasche zog drauf der Abt ein Buch:
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»die Wallfahrt widerrath' ich! Les't hier den weisen Spruch;
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Da heißt's:

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»ihr Herren,« sprach der Kaiser, »ei, laßt doch euren Schwank!
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Hat man denn je vernommen, daß wer vom Beten krank?
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Wer trabte je zu Rosse ins Gotteshaus hinein?
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Dir, Kunz, frommt just die Wallfahrt, da heilt vielleicht dein Bein.«

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Entblößten Hauptes wallte Max aus der Schlosses Thor,
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Mit herbverzognen Mienen folgt der Genossen Chor
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Und schließt den flatternden Fahnen der Prozession sich an
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Und wandelt psalmodirend zum Dörfchen Sankt Alban.

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Manch schönes Goldstück hatte dem Pfarrherrn Max verehrt,
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Als aus der Kirche wieder er vom Gebet gekehrt,
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Der Alte lallte dankend: »Bei Gott, nie ward gesehn
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Solch hohes Fest, so lange Sankt Albans Mauern stehn.«

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Schon glomm am Abendhimmel der Mond mit bleichem Strahl,
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Da ging es in die Schenke zum würzigen Abendmahl,
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Da drehte sich manch Pärchen im bunten Wirbelreihn
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Bei Dudelsack und Fiedel, bei Zither und Schalmein.

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Was gab's da schöne Mädchen, hei, hei, und dreimal hei!
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Wie flogen da die Schürzen, wie guckten die Bursche dabei!
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Trotz seiner Sporen tanzte der Emershof, daß es stob,
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Ha, wie sein Arm der Dirnen geschlanke Hüften umwob!

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Trotz lahmen Beinen poltert Kunz mit dem Fuß den Takt,
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Trotz böser Augen schielt er nach mancher hübschen Magd
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Und trinkt Bescheid dem Abbas: »Hui! Pater, trinkt doch aus!«
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Der aber brummt sein Sprüchlein und schreitet aus dem Haus:

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»hm, hm,
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Aus seiner linken Tasche zieht er den Rosenkranz
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Und wackelt auf und nieder im fahlen Mondenglanz.

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Max aber lehnt dort sinnend in einer Eck' allein,
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Ins lustige Leben und Treiben sieht lächelnd er hinein
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Und denkt in stiller Sehnsucht zurück, gar weit und fern,
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Am klaren Jugendhimmel steht hell sein Liebesstern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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