Der Fürstenbund

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Anastasius Grün: Der Fürstenbund (1842)

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Zwei Bundesheere lagern bei Terouanne im Feld,
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Dorthin hat ihre Zelte Franzosenhaß gestellt;
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Ha, wie da Englands Banner die Lüfte züngelnd leckt,
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Und Deutschlands Doppeladler die mächt'gen Flügel streckt!

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Der Rhein trennt Deutsch' und Franken. Ei, Deutscher, welch Wunderpferd
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Trug kühnen Sprungs hinüber dich und dein Racheschwert?
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Haß war der kühne Springer, das schwarze Flügelroß!
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Und weiter fliegt nur Liebe, die Taube mit grünem Sproß.

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Ein Meer trennt Franken und Britten. Wer hat die Brücke gespannt,
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Drauf Englands eh'rne Heere hinziehn ins Franzenland?
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Haß nennt sich der Brückenmeister, der bändigt Strom und Belt,
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Und Größ'res baut nur Liebe, seht ihren Dom, die Welt!

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Vor's Lager hinaus lustwandelt der Völker Fürstenpaar,
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Heinrich, der junge Britte, und Max, schon grau von Haar;
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Vor ihren Blicken dehnt sich, wie 'n See, so weit und glatt,
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Die Ebne von Terouanne fernhin bis Guinegat'.

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Talbot schritt neben Heinrich, als hätt' am Himmelszelt
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Sich Mars, das blut'ge Sternbild, zum hehren Mond gesellt;
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Kunz von der Rosen wallte zur Seite seinem Herrn,
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Wie mit dem Sonnengotte der heitre Morgenstern.

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Max blickte ringsum sinnend; da ward sein Herz so weich:
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»wie ist im Leben Alles so alt und neu zugleich!
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Hier kämpft' ich vor dreißig Jahren, – es war mein erster Sieg!
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Hier führ' ich morgen die Schaaren, – wohl wird's mein letzter Sieg!

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Seht dort der Veste Bollwerk, die Warten, Thurm und Thor
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Und hier die weiten Fluren, noch ist dieß Alles wie vor;
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Der Luft und Erden Antlitz ist noch wie's damals war,
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Nur größer ward der Kirchhof, und bleicher ward mein Haar.

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Und doch, wie anders Alles! Manch neu Geschlecht entstand,
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Der Herbst hat oft gemähet, der Lenz besät das Land,
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Die Luft hat gestürmt und gesäuselt, die Sonn' erlosch und schien,
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Der alte Haß nur schreitet noch durchs Gefilde hin!«

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Da fiel ins Wort ihm Heinrich: »Vergiß die Liebe nicht!
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Sie ist's, die unsre Arme zu festem Bunde flicht;
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O lasse fort ihn dauern in ferne ew'ge Zeit!«
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Da drückte Max ans Herz ihn: »Ja, Bruder, in Ewigkeit!«

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In feierlichem Schweigen stand jetzt das Fürstenpaar,
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Es schwieg der ew'ge Aether, so tief und blau und klar,
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Es schwiegen rings die Fluren, so eben und so weit,
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Gleichwie ein stummes Echo des Wortes: Ewigkeit!

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Denkt euch in den Dom, wo leise des Hochamts Orgel verhallt
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Und feierlich beim Sanctus wie Frühlingssäuseln wallt.
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Nun nies't dazwischen Einer, daß tief der Dom erbebt!
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Wohin ist die Verklärung, die zu den Sternen schwebt?

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So zuckt jetzt Kunz und blinzelt und zieht die Stirne kraus,
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Gern drängt' er's noch zurücke, umsonst, es muß heraus!
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Da schüttelt er laut klingend den Schellenhut am Haupt:
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»ihr Herrn, laßt mich doch hören, wie alt ihr mich wohl glaubt!«

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»zu alt, zweibein'ge Thorheit, um je zu werden klug,
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Und doch zu jeder Stunde zum Hängen alt genug!«
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So schnarrte Kunzen grimmig der derbe Talbot an,
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Doch freundlicher und milder sprach König Heinrich dann:

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»auf das Geweih dem Hirsche, dem Gaule auf den Zahn,
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Dem Menschen schrieb aufs Antlitz Natur sein Alter an;
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Kind! schrieb sie auf die Stirne, Mann! auf die Wange dir,
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Liegt Wahrheit in der Mitte? Sprich, Freund, wem glaub' ich hier?«

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Drauf Kaiser Max mit Lächeln: »Spricht unser Sprichwort wahr,
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So soll der Mensch sich ändern nach jedem siebenten Jahr;
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Doch du, seit ich dich kenne, bist immer Narr geblieben,
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Drum mein' ich stets, du zählest der Jahre noch nicht sieben.«

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»ei, wie ihr schmeichelt! Ich zähle mehr als zweihundert doch!
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Die Bünde von Blois und Cambray, die überlebt' ich noch!
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Geschlossen ward doch jeder auf volle hundert Jahr'!
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Und jetzt macht ihr mir Hoffnung auf Ewigkeiten gar!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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