Zwei Leichen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anastasius Grün: Zwei Leichen (1842)

1
Zwei theure Leichen liegen im Schweizerland zumal,
2
Die ein' im Feld bei Frastenz, die andr' in Dornecks Thal!
3
Allbeide edel, doch haben sie sonst wohl nichts gemein
4
Als blut'ge Herzenswunden und ew'gen Schlaf allein.

5
Der eine schien gesunken als starker Felsenthurm,
6
Der kühn im Sturm gestanden, doch auch gestürzt im Sturm;
7
Sein Herz, nun welk und fühllos, ein ausgebrannter Vulkan,
8
Einst herrlich, flammenstrahlend! Tod dem, der's wagt zu nahn!

9
Der Andr' ein uralter zertrümmerter Altar,
10
Drauf einst die Opferflamme gelodert rein und klar;
11
Sein Herz das milde Abbild der Sonn', ein Regenbogen,
12
Der

13
Dem schließt ein Weib das Auge, und ihre Thräne rinnt;
14
Dieß Weib, ist's nicht die Freiheit? Es ist des Greises Kind!
15
Die Herzen seines Volkes, die sind sein Todtenbuch,
16
Die freie Heimaterde, die ist sein Leichentuch.

17
Doch
18
Wer drückt ihm zu die Augen, wer wird ihm Thränen weihn?
19
Blieb nichts ihm treu? O sehet, sein traurig Schlachtroß dort
20
Scheucht ihm vom Haupt die Raben, die ungeduldigen, fort.

21
Wie Kön'ge stolz war dieser und war doch nur ein Knecht,
22
Frei jener wie kein König, doch eben schlecht und recht;
23
»dort liegt Wohlleb!« Der Schweizer zeigt's, ruhmerröthend, euch,
24
»und hier der Fürstenberger!« Da bebt er und wird bleich.

25
Ein Kästlein, drein die Freiheit gern ihren Brautring legt,
26
Das scheint der Sarg des Einen, der solche Worte trägt:
27
»ich bin ein freier Schweizer, Heinz Wohlleb zubenannt,
28
Dieß Häuschen und sein Sasse stehn beid' in Gottes Hand.«

29
Der Sarg des Andern aber schien eines Fürsten Schrein,
30
Voll bluterkaufter Juwelen, drauf grub dieß Wort man ein:
31
»dem König war mein Leben, die Seele Gott allein,
32
Mein Herz den Fraun ergeben, die Ehre nur blieb mein.«

33
O Ehre, Fürsten, Frauen! ha, gebt ihr solchen Lohn?
34
Speist selbst auf Grabessteine, o Welt, du deinen Hohn?
35
Schlaft sanft, ihr Zwei! Ihr aber, die ihr noch jetzo wacht:
36
An wessen Stelle lieber schlieft ihr die ew'ge Nacht?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.