Die Schweiz

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Anastasius Grün: Die Schweiz (1842)

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Was treibt euch wohl, ihr Fürsten, stets in die Schweizergaun?
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Wollt einmal doch im Leben ein freies Land ihr schaun?
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Wollt ihr das Zepter tauschen um einen Hirtenstab?
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Ha, oder wollt ihr finden in freier Erd' ein Grab?

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Seht auf das Land hernieder von hoher Alpenwand!
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Da liegt's, gleich einem Buche, geschrieben von Gotteshand,
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Die Berge sind die Lettern, das Blatt die grüne Trift,
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Sankt Gotthard ist ein Punkt nur in dieser Riesenschrift.

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Wißt ihr, was drin geschrieben? O seht, es strahlt so licht!
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Es schrieb sie ja kein Kanzler, es ist kein Pergament,
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Drauf eines Volkes Herzblut als rothes Siegel brennt.

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Seht dort den mächt'gen Felsberg, der
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Der freie Aar umkreist ihm der kahlen Stirne Rand,
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Fels ist die graue Kutte, Schnee seiner Scheitel Zier,
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Das Weltall seine Zelle, das Sternzelt sein Brevier.

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Ist wo ein Mönch, bleibt sicher die Predigt auch nicht aus.
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Der spricht im Lavinendonner, im rauschenden Quellengebraus;
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Der Pater ist ein Ketzer, Zeit wär's ihn einzusperrn!

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Seht dort im weißen Schleier aufragt der
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Als Bräut'gam hat ihr der Morgen mit Rosen die Stirn umlaubt,
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Sie hat mit bunten Blumen gestickt das grüne Gewand,
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Dran spielen rauschende Quellen, ein flatternd Silberband.

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Ob ihr wölbt sich zur Kuppel der Lüfte blauer Strom,
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Der spitzen Gletscher Reihe rings scheint die Orgel im Dom;
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Fürwahr, mich däucht, wo Jungfrau und Orgel zusammenkam,
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Blieb da Musik und Sang aus, das wäre wundersam.

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Horch, wie ihr Lied an Herzen so herrlich, kräftig pocht!
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Beim Himmel, niemals sangen der Erde Töchter so schön,
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Mitsingen wohl Gottes Engel in Chören auf den Höhn!

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Ihr Herrn, will's euch nicht munden? Ihr hört wohl keinen Klang,
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Weil kein Kastrat, kein Säbel euch's um die Ohren sang,
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Im Schweizerland doch liest man gern jenes Riesenbuch
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Und horcht dem Lied der Jungfrau und merkt des Pred'gers Spruch.

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Im Schweizerland da springen die Quellen frei empor,
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Frei schweben die segelnden Wolken und singender Vögel Chor,
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Frei blickt vom Firn die Gemse auf krachende Wetter herab,
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Und freie Weste flüstern um freier Helden Grab.

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Viel tausend Schweizer stehen auf hoher Alpenwand,
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Sie schaun ins Land hernieder und drücken Hand in Hand
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Und schwören, in Tod und Leben zu stehen kühn und treu,
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Und schwören, in Tod und Leben zu bleiben stark und frei!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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