Der König und der Schuster

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Anastasius Grün: Der König und der Schuster (1842)

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»sieh da, Herr Meister, willkommen! Hätt' euch bald nicht gekannt,
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Denn seit mit Kron' und Zepter ihr obherrscht diesem Land,
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Ist eure Nase röther, gewölbter die Augenbraun
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Und euer Antlitz blutig, wie Sturmgewölk, zu schaun.«

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So scherzte Max gen Kopp'noll, der halb noch im Prachtornat,
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Halb schon im Zunftgewande, in das Gefängniß trat.
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Erst schweigend stand der Meister und seufzte still und tief,
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Doch endlich hob er kühner das Angesicht und rief:

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»manch Herrscher Roma's tauschte das Zepter um den Pflug,
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Den Mosler im Goldpokale um Wasser in irdenem Krug,
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Das edle stolze Schlachtroß um Ackergaul und Schwein.
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Soll minder groß als der Römer, der Genter Kopp'noll sein!?

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Mein Fürst, zu euren Füßen leg' ich nun Thron und Reich,
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Und euer treu'ster Diener steh' ich, wie sonst vor euch.
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So wie der singende Vogel seid frei der Haft ihr wieder,
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Nur blick auch euer Auge auf uns verzeihend nieder.«

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»herr Meister, wenn ihr Vögel sperrt über Winter ein,
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Dann singen sie zur Lenzzeit wohl doppelt schön im Frei'n;
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Doch säng' ich euch das Liedlein, gelernt in eurer Lehr',
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Beim Himmel, ihr sängt und hörtet kein andres Liedlein mehr!

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Seht, Freund, des Schusters Arbeit ist nur für Fuß und Bein,
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Drum muß, wo Schuster herrschen, das Reich getreten sein;
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Ihr wollt Verzeihung? Ihr sagt ja, ihr seid ein edler Mann,
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Drum streb' auch Max, daß bald er mit euch sich messen kann.«

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»habt Dank, mein Fürst! Noch bitt' ich, daß Eins gewährt mir sei:
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Braucht ihr einst Lederarbeit, geht nicht an mir vorbei;
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Denn wieder kehr' ich zur Ahle, zu Gent seht ihr mein Haus,
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Und eine zerbrochene Krone hängt dran als Schild heraus.«

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»wohl, Meister, ich will's gewähren; erst aber zum Probestück
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Macht einen langen Riemen, doch sei er fest und dick,
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Aus gutem starkem Leder, und daß er ja nicht sprengt,
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Wenn man in Zukunft einmal vielleicht daran euch hängt.«

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Jetzt schritt an Kopp'nolls Seite der König aus dem Haus,
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Da brach das Volk auf den Straßen in lauten Jubel aus.
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Max aber sah noch einmal zu seiner Haft empor,
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Und eine Marmortafel erblickt' er ob dem Thor.

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Drein hatten jüngst die Meutrer gegraben ein Spottgedicht,
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Max las es laut, drauf sprach er mit lächelndem Angesicht:
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»warum schriebt ihr's lateinisch? Das ist für Mönch' allein,
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Und so was, lieben Leute, soll doch für Alle sein.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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