Die Zünfte

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Anastasius Grün: Die Zünfte (1842)

1
Zunftmeister Brügge's saßen bei Karten, Wein und Lied,
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Da saß der braune Schiffer, der Färber und rußige Schmied,
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Der Genterschuster Kopp'noll gesellt als Gast sich zu,
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Er sprach im Rath am laut'sten und machte schlechte Schuh'.

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Der Schuster rief: »Ihr Herren, wißt ihr das Neu'ste nicht?
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Zu Lichtmeß kommt der König; Gott geb', es werde Licht!«
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Indeß der Färber heimlich guckt in die Karten dem Schmied,
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Und murmelt dabei halb leise das alte schöne Lied:

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»ein Königlein gab's einmal – wollt' sagen ein Murmelthier –
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Geschäftlos war es keinmal, schlief Nachts und Tages schier!
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Des Nachts, weil's Mod' im Leben zu schlafen bei der Nacht,
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Und Tages, weil dieß Schlafen es müd' und matt' gemacht.«

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Es sprach der Schmied inzwischen: »Den Max, den hass' ich nicht,
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Ein wackrer Kerl ist's immer; – doch ach, sein Hofgezücht!
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Mit derben Eisenhufen beschlagen sind die Herrn,
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Und auf des Volkes Leichdorn spazieren und tanzen sie gern!«

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Der Schuster, pfiffig schmunzelnd, klopft' auf die Achseln dem Mann:
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»ein Pärlein neue Stiefel! gern mäß' ich's ihnen an!«
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Jetzt schlug auf den Tisch der Färber und brüllte jubelnd drein:
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»ha, Vivat Eichelkönig! der Schellenbub' ist mein!«

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Da schmiß im Zorn der Schiffer die Karten an die Wand:
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»ein gotterbärmlich Leben ist's doch bei euch zu Land'!
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Verdammt! sticht doch den Buben der König immer wieder!«
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Aufsprangen All', es tobten die polternden Stühle nieder.

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Es rief der Schmied: »So 'n Zepter ist doch ein elend Ding!
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Zum Meisterprobstück wär' mir solch Machwerk zu gering!«
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Der Färber sprach: »Mir modert manch rother Fetzen zu Haus;
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Hing' er auf des Schusters Dreifuß, nähm' gut als Thron er sich aus.«

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Sein Haupt bedächtig schüttelnd, mit hochgewichtigem Sinn
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Stand Koppenoll, der Schuster, und murmelt vor sich hin:
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»respublica stieß jüngsthin sich in den Schuh ein Loch,
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Doch Meister Kopp'noll denket, es sei zu flicken noch.

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Ihr Herrn! wer gibt das Zepter den Königen in die Hand?
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Der oben im Himmel herrschet, denn er schuf auch ihr Land!
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Das Niederland doch schufen wir selbst durch Menschenkunst,
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Drum wählen wir auch den Herrscher aus eigner Macht und Gunst.«

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»bravo, du wackrer Meister! du sollst uns Führer sein!«
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So fielen jetzt im Chore die Andern brüllend ein,
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Und taumelten aus dem Thore, und stürmten auf den Thurm,
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Und rissen an allen Glocken, und lärmten heulend Sturm.

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Schon sieht man auf dem Markte der Zünfte Fahnen wehn,
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Und unter ihnen versammelt die Zunftgenossen stehn!
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Erst dumpf begann's zu murmeln, bis endlich laut es scholl
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Vom Mund des Volks und der Häupter: »Sei Führer, Koppenoll!«

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Drauf tobt's durch Plätz' und Straßen und singt und heult und droht,
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Und wirft die Königssäulen zertrümmert in den Koth;
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Da flog manch eisern Zepter, manch Haupt mit zerschlagener Stirn',
48
Manch steinerne Herrschernase, manch hölzern Königshirn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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