Die Reigerbaize

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Anastasius Grün: Die Reigerbaize (1842)

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Als Lenz die Erde wieder im ersten Kuß umschloß,
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Da ritt aus Brügge's Thoren ein bunter Jägertroß,
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Viel schmucke Falkoniere sah man zu Rosse ziehn,
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Und an des Gatten Seite die schöne Herzogin.

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Am Arm saß ihr ein Falke. Ob seinem weißen Gewand
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Ward er bei Hofe scherzweis der Dominikaner genannt,
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Ein schwarzes Käppchen bedeckt' ihn, er trug ein silbern Collar,
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Darauf das Wörtlein:

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Weit dehnt sich ein Haide, da grünt kein schatt'ger Baum
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Nur Dorngestrüppe wuchert zerstreut im öden Raum,
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Zur Linken lag ein Weiher, des Reigervolkes Bad,
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Da wäscht es sein Gefieder, sich selber zum Verrath.

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Jetzt rauscht es in den Wellen, es kreischt aus dem Schilf hervor
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Und rechts und linkshin fliegen verscheuchte Reiger empor,
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Vom Arm der Jäger steigen die muth'gen Falken hinan,
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Gleich Wünschen der Menschenseele, so schweben sie himmelan

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Und jedes Jägers Auge will mit den Falken ziehn,
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Wie die in Lüften, stoßend, zur Rechten und Linken fliehn,
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So sprengen flink da unten die Reiter kreuz und quer,
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Es dröhnt die bebende Haide, Staub wirbelt drüber her.

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Doch sieh, mit flatternder Mähne läuft dort ein lediges Roß, –
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Wie's schnaubt, wie scheu es blicket! nun sprengt's durch den wirren Troß,
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Halt an, erfaßt den Zügel! wo sank der Reiter hin?
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O Gott, dort liegt im Blute die edle Herzogin.

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Es lehnt ihr bleiches Antlitz sanft in des Gatten Schooß,
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So blaß wie Abendwolken, wenn Spätroth längst zerfloß;
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Ach wie in rother Strömung der Lebensquell versprüht,
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Wie reich die blut'ge Rose ihr aus dem Herzen blüht!

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Ein Kinderpaar an der Leiche,
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Beugt zärtlich über die bleiche, entseelte Mutter sich;
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So neigen zwei Rosenknospen,
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Sich über die Mutterrose, die sturmentblättert verblüht.

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Mit traurig gesenktem Köpfchen, im blutgetünchten Gras,
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Als Tröster ihr zur Seite der Dominikaner saß;
35
Wollt ihr sein Sprüchlein wissen? sie selbst hat ihn's gelehrt,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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