Das Lager

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Anastasius Grün: Das Lager (1842)

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Fürwahr, ein friedlich Städtchen das schöne Saint Omar!
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Hier junges Grün der Wiesen, dort Flüsse silberklar,
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Ein Spiegelsee nicht ferne, und schwimmende Inseln drin,
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Drauf schiffen läutende Heerden sanft mit den Fluthen hin.

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Sankt Audomar's Abteie in blankem Marmorgewand
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Sieht wie des Friedens Schutzgeist aufs segenreiche Land.
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Das Wörtlein Krieg war wenig bekannt auf Omars Flur,
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Und in des Klosters Chronik stand's halb verwittert nur.

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Zufriedenheit und Friede schien hier zu ruhn seit lang',
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Und hörte Erz man tönen, war's nur der Glocken Klang,
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Und rief um Hülfe Jemand, war's höchstens ein irres Schäflein,
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Und ärgerte sich Einer, war's auf der Kanzel das Pfäfflein.

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Doch jetzt! Ein weites Lager vom See bis zur Abtei,
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Die Glocken übertäubet der Krieger Feldgeschrei,
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Die Fluthen überglänzet der Zelte weißes Linnen,
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Ein Geist der Rache blicket der Dom mit seinen Zinnen!

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Da seht ihr Maxens Lager, dicht Zelt am Zelte stehn,
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Und drüber in den Lüften die bunten Banner wehn,
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Hoch über allen flattert der deutsche Kaiseraar
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Und sammelt unter die Flügel der Kriegsgenossen Schaar.

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Geschwader aus allen Landen, so weit man flämisch spricht,
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Auch Albions tapfre Streiter
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Und Mancher, um den am Ister ein deutsches Mädchen weint;
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Verschiedne Banner und Zungen –

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Doch, traun, ein seltsam Lager! der Schlachten Wiege nicht!
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Kein mürrisch, unwirsch Antlitz, rings freundlich jedes Gesicht;
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Ist's Wunderkraft des Bodens, dem Frieden sonst geweiht?
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Kann sich das Herz nicht entwöhnen verfloss'ner schöner Zeit? –

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Wenn die Drommete rufet, klingt's fast wie Tanzmelodei;
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Und manchen Ritters Auge, deß Herz sonst froh und frei,
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Beinah' wird's feucht, erblickt er am Helm den welken Strauß,
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Und will er ein Kriegslied brummen, flugs wird ein Brautlied draus!

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Max selber, wenn er sinnend durchs Lager einsam wallt,
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Blickt seitwärts oft, als zöge mit ihm noch eine Gestalt;
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Oft schwebt' ihm Red' im Munde, wenn er allein sich fand,
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Und einmal rief er: Geliebte! als der Narr daneben stand.

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Des Nachts, wenn er gewappnet im stillen Zelte ruht,
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Und meint den Traum zu träumen von Schlachten, Brand und Blut,
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Naht ein verklärtes Wesen – längst däucht es ihm bekannt –
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Und neigt des Friedens Palme auf ihn mit weißer Hand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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