Und wieder sah der Herr vom Oelberg nieder

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Anastasius Grün: Und wieder sah der Herr vom Oelberg nieder Titel entspricht 1. Vers(1842)

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Und wieder sah der Herr vom Oelberg nieder;
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Ein Ostermorgen glänzt aufs Thalgefild!
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Ihn grüßen keine Glocken, keine Lieder,
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In Lüften nur wehn Festesschauer mild.

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Noch strahlt der Halbmond von den Zinnen allen,
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Fest wie ein Aetherbild, siegreich und klar;
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Doch auch das Kreuz am Grab ist nicht zerfallen,
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Und nicht gewichen seiner Mönche Schaar.

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Doch nimmer treue Doggen sinds, umkreisend
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Als Wächter ihres Herren Leichenstein;
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Schakale nur, die Zähn' einander weisend,
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Sich würgend um ein Grab und Todtenbein.

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Zersplittert in des Wahnes Sekten, fachten
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Statt Friedenslampen Hassesgluth sie an;
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Nie fochten Kreuz und Mond so blut'ge Schlachten,
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Als hier der braun' und graue Kuttenmann!

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Altar und Kanzel werden Schanz' und Vesten,
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Feldlager ist der Dom, drin kampferglüht
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Roms Mönch im Norden steht, der Kopt' im Westen,
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Der Griech' im Ost, Armenier im Süd.

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Des Pascha drohend Antlitz muß es wahren,
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Daß nicht ihr Blut besudle den Altar:
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Gebietend hält der Stock des Janitscharen
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In Eintracht hier der Friedenslehrer Schaar.

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Dort in dem Klostergarten, rings umfangen
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Von breiten Mauern, wie von Schanzen wohl,
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Als ob vor eines Feindes Sturm sie bangen,
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Berennend ihre Rosen, ihren Kohl;

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Dort liegt ein greiser Mönch auf seinen Knieen,
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Mit weißem Bart, vom Morgenwind umweht,
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Und zwischen Rosen, die vor Andacht glühen,
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Wetteifernd sprießt gen Himmel sein Gebet:

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»schön seid ihr, der Provence grüne Thale,
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Mein Heimatland, mir oft im Traum gegrüßt,
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In das, gleichwie in eine goldne Schale,
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Der Reben Born von sonn'gen Hügeln fließt;

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Auf das des Oelbaums grüne Wälderkrone
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Sich wie ein Kranz des ew'gen Friedens legt;
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An dessen Herzen laut in hellem Tone
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Der volle Pulsschlag frischer Quellen schlägt!

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Ihr Haine von Orangen und Granaten,
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Du grüne Trift, du farbig Blumenried!
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Du endlos Gartenland, voll reicher Saaten,
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Du wonnig Erbreich von Musik und Lied!

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Doch schöner sind, o Zion, deine Thale,
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Ein Hymnus aus Gestein, der schweigend klingt,
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Wo schwebend über Schutt und Trauermale
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Der Todesengel Hallelujah singt!

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Ja, schöner ist dein fahl Gefild, zertreten
50
Vom Tritte der Geschlechter, die's durchwühlt,
51
Stumm wie die Lippen des Anachoreten,
52
Durch deren Ernst kein leises Lächeln spielt.

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Ja, schön bist du, wie einer Mutter Leiche,
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Ans Herz das Kreuz geschmiegt noch goldesklar!
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Noch strahlt ein Ahnen durchs Gesicht, das bleiche,
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Daß einst ihr Schooß der Welt Geschick gebar!

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Und freudig soll mein morsch Gebein versinken
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Einst in dein graues Leichentuch, o Thal,
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Säh' nur mein brechend Auge wieder blinken
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Von allen Zinnen hoch des Kreuzes Strahl!

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Und ließest du auf allen Bergen wieder,
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Herr, deine Oriflamme siegreich stehn,
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Der Glocken Klang, der Christenpilger Lieder
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Anstatt der Blumen übers Grab mir wehn!

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Zwar als du jüngst in deiner Gottheit Schöne
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Im Traum mir nah, rief donnergleich dein Zorn:
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Hinweg, Unwürd'ge, ihr der Zwietracht Söhne,
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Nicht fürder schändet hier des Friedens Born!

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Ich pflanzte, reichen Schirms sich zu entfalten,
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Einst meinen Fruchtbaum in den Erdenhain;
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In tausend Aeste habt ihr ihn zerspalten,
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Und jeder Zweig will selbst ein Baum nun sein!

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Es loosten, als sie sahn am Kreuz mich ragen,
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Um mein Gewand die Söldner unverweilt;
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Doch ruchlos habt ihr selbst mein Grab zerschlagen
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Und frech in seine Trümmer euch getheilt!

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Ihr, die in meinem Dom um eine Stufe,
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Um eine Pfort' ihr wild in Hader schwellt,
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Wißt, daß der Erdball rings zu mir die Stufe,
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Und meine Pforte rings die weite Welt!

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Ihr, die ihr um ein Altarlämpchen streitet,
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Ihr Blinden ahnt in eurer Nacht es kaum,
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Daß, meines Lichtes voll, sich glänzend breitet
84
Rings um und über euch der Erde Raum!

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Gewürm, bleib' an den morschen Steinen kleben,
86
Und nage fort an moderndem Gebein!
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Mein Wort, es quillt lebend'ges, volles Leben,
88
Und nicht gefesselt ist's an todten Stein!

89
So sprachst du, Herr. Doch was mein Aug' in Thränen
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Längst von dir flehte, hast du jetzt gesandt!
91
Es baute kühn ein Heer von Gottfrieds Söhnen
92
Sich Zelte in der Pharaonen Land!

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In ihrem Blick die alte Schlachtenweihe,
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Ums Haupt des alten Ruhmes Widerschein,
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In Arm und Brust die alte Kraft und Treue!
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Da wird wohl auch der alte Glaube sein!

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Heiß glüht die Sonne! Doch ihr Haupt zu kühlen,
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Gebricht's an frischen Siegespalmen nie.
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Des Nilstroms Katarakte stäubend spülen
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Des neuen Ruhmes Taufe über sie.

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Dort steht der Feldherr auch! – Meint ihr, es biete
102
Hesperiens Gartenland ihm Kränze nur?
103
O seht, wie jetzt, sein Haupt zu kränzen, blühte
104
Als Lorberwald Sahara's sand'ge Flur!

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Du hast, o Herr, ihm in den Arm gegossen
106
Von deiner Kraft, die Lebans Cedern bog,
107
Du hast sein Haupt mit deinem Geist umflossen,
108
Der einst in Flammenzungen niederflog!

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Ich weiß es, seines Degens Feuerruthe
110
Schwang über Murad Bei allein er nicht,
111
Und mit des Mamelucken Uebermuthe
112
Geht nicht allein sein Zürnen ins Gericht.

113
Ich weiß, als Straße nur zu Zions Thale
114
Liegt ihm die Wüste vor den Augen da;
115
Ich weiß, der Pyramiden Riesenmale
116
Sind ihm die Staffeln nur zu Golgatha!

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Da wird einst stehn, den Halbmond zu den Füßen,
118
Das goldne Kreuz hoch in der Hand, der Held,
119
Die graue Flur den grauen Mantel grüßen:
120
Er deckt, wie sie, die Größe einer Welt!

121
Auf Golgatha läßt ruhn er seine Aare
122
Ums Kreuz, des Sieg den schönsten Kranz ihm gab.
123
Die andern Kränze nimmt er aus dem Haare
124
Und legt sie nieder aufs befreite Grab!«

125
So sprach der Mönch. Und horch, die fernen Hügel
126
Erdröhnen dumpf, wie eh'rner Heere Gang;
127
Und horch, in Lüften rauscht's wie Adlerflügel,
128
Wie ferner Waffenhall und Schlachtgesang.

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Ja, seine Heere sind's! – Doch raschen Zuges,
130
Im Siegesglanz, ziehn sie vorbei, vorbei!
131
Ja, seine Adler sind's! – Doch stolzen Fluges
132
Rauscht ihres Fittigs Schlag vorbei, vorbei!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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