1.

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Anastasius Grün: 1. (1842)

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Im Orient, wo – wie aus blüh'ndem Hage
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Ein spielend Kinderpaar rothwangig grüßt –
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Das heit're Märchen und die sinn'ge Sage
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In Rosenwäldern zwischen Blumen sprießt,

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Dort gibt manch rauher Hirte dir die Kunde:
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Es walle Jesus Christus, ungesehn,
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Zu Ostern jährlich um die Morgenstunde
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Im Auferstehungskleid auf Oelbergs Höhn

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Und seh' hinab nach seines Wandelns Thale,
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Das ihm ein Kreuz und Leichentuch einst wies;
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Wo Zion stolz geprangt im goldnen Strahle,
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Granitnes Bollwerk, das sein Fluch zerblies!

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Und Ostern war es einst; der Herr sah nieder
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Zur kahlen Flur, verödet und ergraut,
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Rings Trümmer, Asch' und Staub und Trümmer wieder
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Und Schutt auf Schutt, soweit das Auge schaut!

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Er weiß, es sind dieß nur die wirren Schollen
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Durchwühlten, neugepflügten Ackerlands,
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Wo einst die Saatenwogen fluthen sollen,
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Und winden sich der goldne Garbenkranz!

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Er sieht daraus den Baum der neuen Lehre
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Mit tiefer Wurzel, ries'gem Säulenschaft
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Sich steigend wölben über Land und Meere
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Und weithin streuen Schatten, Früchte, Kraft!

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Des Tods Triumphzug ging durch diese Gründe,
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Rings keine Spur von eines Menschen Pfad,
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Kein Vogel singt, es rauscht kein Blatt im Winde,
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Es weht kein Halm, es grünet keine Saat.

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Daß doppelt groß der Sieg des Todes rage,
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Lebt spärlich hier noch Eines Lebens Schein:
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Es seufzt, wie eines Dichters Leichenklage,
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Des Kedrons Quelle zischend durchs Gestein:

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»einst streckt' ich wohlbehaglich meine Glieder
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Im Blüthenpfühl, auf weichem Silberkies,
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Bis von Moria's alter Veste nieder
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In meinen Schooß der Sturm die Trümmer stieß!

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Nun ich den Leib von Stein an Steine trage,
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Muß ich wohl ächzen laut vor Schmerz und Zorn;
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Nun die Gelenk' an Trümmern wund ich schlage,
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Ist, gleich als blut' er, jetzt so roth mein Born.

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Mein Born, so klar einst, weisend noch als Spiegel
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Der Kön'ge Burg, den Tempel gottverklärt,
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Palastbesäte, wallumkränzte Hügel
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Und auch ein Volk, einst solcher Fülle werth!

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O daß sich am Gestein zu Scherben schlüge
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Der Spiegel, dem einst Solches ward zu schaun,
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Auf daß dieß Bild des Tods er nimmer trüge,
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Dieß Bild verdorrter Fluren, voll von Graun,

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Der Fluren, die bluttrunken als Hyäne
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Der Menschen Besten, Titus, würgend sahn!
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Ob er auch Abends da geweint die Thräne:
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Nicht sei des Guten heut genug gethan?

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Ob, als er trümmerfroh sein Beil ließ schimmern,
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Die Hand ihm niemals bebte, ahnungsvoll:
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Daß seine Mutter Rom von Zions Trümmern
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Gesteinigt einst, erschlagen werden soll?

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Nicht ahnt' er's! Denn dem Meere der Verheerung
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Geböt' er wohl zu zügeln sonst die Wuth,
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Statt daß er, ein Neptunus der Zerstörung,
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Rings aufbeschwor zum Sturm der Wogen Fluth!

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Ha, wie des Gottesfluches Worte, liegen
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Gestein und Leichen übers Thal gesät,
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Darüber Roma's Aar in Siegesflügen
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Als Leichenrabe, schwarzen Fittigs, weht.

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Hier lag sie einst, die Königin der Städte,
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Der Hügel vier bedeckt' ihr Riesenleib,
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Vier goldnen Pfosten gleich am Königsbette,
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Drauf ruht im Sonnenkleid das hohe Weib.

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Fruchtreiche Gärten, ihr zu Füßen, standen
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Als Blumenvasen rings ums Bett gereiht,
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Und neben ihr die Palmenhügel sandten
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Ihr Kühlung zu aus Fächern, grün und breit.

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Des goldnen Tempels Kuppel krönte glänzend
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Als heil'ge Krone ihrer Stirne Saum:
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Nur
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Ein Tempel Gottes nur im Erdenraum!

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Und ihre beiden lichten, schönen Augen:
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Die Söhn' und Töchter waren's ihres Lands;
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Wer mag den Preis der Zwei zu richten taugen?
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Wer sagt es, welches glomm in schön'rem Glanz?

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Den edlen Bau der königlichen Glieder
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Hielt ihr ein dreifach Bollwerk fest umspannt,
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Gleichwie von Gold und Erz ein schimmernd Mieder,
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Um das ich mich als Demantgürtel wand.

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Da liegt sie nun, die größte aller Leichen!
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Vom Haupt fiel ihr die Kron' und barst am Stein!
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Der Quadern Trümmer rings, die fahlen, bleichen,
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Sind ihres Leibs zerfallenes Gebein!

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Die Gräber nur, die sie in Fels einst hieben,
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Sie halten jetzt noch, wie seit Jahren schon;
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Sie sind rings um dieß große Grab geblieben,
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Termitenhügel um den Libanon!

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Und als der alte Bau zusammenkrachte,
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Flog weit des Staubes Wolke, riesengroß,
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Daß grau die Flur jetzt, die so grün einst lachte,
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Und grauen Schleier trägt das ärmste Moos!

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Da floh des Volkes Rest, lebend'ge Leichen,
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Todt ohne Tempel, Satzung, Vaterland!
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Da sah ich Baum und Strauch weithin erbleichen
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Und morsch aufs Antlitz sinken in den Sand!

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Fort flogen da der Büsche Nachtigallen,
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Die Vögel all', weit übers ferne Meer;
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Nicht ziemt es ihrem freud'gen Lied, zu schallen,
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Wo Alles schweigt und trauert rings umher.

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Fort zogen da die Rosen auch nach ihnen,
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Bis an das blaue Meer, das: Halt! gebot;
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Da blühn sie, gaukelnd, nun die reichen, grünen
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Gestad' entlang, ein Blumenmorgenroth!

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Fort zogen auch die bunten Jahreszeiten;
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Kein Lenz ist, wo nichts keimt, nichts grünt und glüht,
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Es will kein Herbst die kahle Flur durchschreiten,
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Denn kein Verwelken gibt's, wo nichts geblüht.

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Fort alle Farben, fort auch alle Töne,
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Und alles, alles Leben fortgedrängt!
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Ich blieb allein zurück als eine Thräne,
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Die an dem Auge der Vernichtung hängt.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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