»der Brüder Mangel gab mir zu viel Würden!

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Anastasius Grün: »der Brüder Mangel gab mir zu viel Würden! Titel entspricht 1. Vers(1842)

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»der Brüder Mangel gab mir zu viel Würden!
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Im Büchersaal hüt' ich Foliantenhürden,
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Als Gärtner muß ich Kohl und Blumen treiben
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Und als Chronist des Klosters Chronik schreiben!

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Quartanten dort gleich Leichensteinen prangen,
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Dran Spinnennetz' als Todtenhemden hangen;
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Ich wehr' es nicht, da dieser Grüfte Blüthen
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Die Welt ja längst mit Duft und Glanz durchglühten.

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Die Chronik schlag' ich auf; da find' ich wieder
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Die Rose, die ich drein einst legte nieder
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Als Zeichen, wo mein Vorfahr stehn geblieben.
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Ach! meine Hand hat noch kein Wort geschrieben!

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Ist's meine Schuld, daß längst die Wunder schweigen,
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Kein Fürst sich zum Besuch am Thor will zeigen,
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Kein Bannstrahl blitzt, und in dem Klosterleben
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Sich's nur begibt, daß gar nichts sich begeben?

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Mich aber dünkt's, als ob die Weltgeschichte
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Sich mählich ganz in meinen Garten flüchte;
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Wenn draußen thatenleer die Tage wandern,
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Blüht drin ein hold Ereigniß nach dem andern.

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Als sich des Winters Wüsten in den Sonnen
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Des Lenzes zu bevölkern kaum begonnen,
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Da ward die Tulpe auf des Thrones Stufen
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Erhöht und laut als Kön'gin ausgerufen.

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Die Rose zeigt dem Volk sich vom Altane,
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Da wird entthront die eitle Tulipane!
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Die Rose prangt mit Duft und Dorn und Blüthe:
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Es herrsche Schönheit, Kraft und Herzensgüte!

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Deß nicht zufrieden, sind zum Bund verschworen
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Violen, die rebellisch tricoloren;
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Die Köpfchen stecken flüsternd sie zusammen,
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Gen die Tyrannin Wettkampf zu entflammen.

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Sieh Goldorangen, Kronen in den Händen,
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Granaten, die das Aug' mit Purpur blenden,
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Gesandte Wälschlands, Kron' und Purpur bietend,
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Das Glashaus, das Hotel der Fremden, hütend!

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Sieh hier des Fruchtbaums goth'schen Domthurm ragen,
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Darin als Glocken hell die Vögel schlagen,
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Um seinen Fuß die farb'gen Blumen alle,
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Wie Gläub'ge Sonntags um des Münsters Halle.

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Dort hüllt in Traubenschmuck und Laubgewebe
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Den kahlen Pfahl, der sie gestützt, die Rebe,
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Des Armen Blöße deckend und im Bilde
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Mir schön entschleiernd christlich echte Milde.

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Ich weiß mit Blüthenranken, Baumspalieren
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Die Wand, die von der Welt uns trennt, zu zieren;
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Was sollt' ich ob der Scheidemauern klagen,
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Die mir so schöne Blüth' und Früchte tragen!

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So ist, o Herr, ein stilles, schönes Schweben
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Durch Blüthenglanz und Sonnenduft mein Leben!
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So mag mein Geist zu deines Frühlings Hallen
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Durch Blüthenglanz und Sonnenduft einst wallen! –

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Ha, Zeit ist's, meine Blumen zu begießen!
54
Ach, unbeschrieben muß mein Buch ich schließen!
55
Dich, Rose meines Gartens, leg' ich wieder
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Als Zeichen in der Chronik Blätter nieder.

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Da magst du Würze hauchen in die Spalten
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Des vollgeschriebnen Säkulums, des alten,
59
Und in das leere weiße Blatt des neuen
60
Dein Morgenroth und deine Düfte streuen.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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