Der ew'ge Mond im Dom der Nächte schimmert

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anastasius Grün: Der ew'ge Mond im Dom der Nächte schimmert Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Der ew'ge Mond im Dom der Nächte schimmert,
2
Die ew'ge Lamp' im Klosterkirchlein flimmert;
3
Horch Mitternacht! Von den zwölf Schlägen gellen
4
Der Mönche Särge, wie einst ihre Zellen!

5
Und wie zur Hora einst, entsteigt den Bahren
6
Ein dunkles Heer in schleppenden Talaren,
7
Voran die Kirchenfahne mit dem Kranze
8
Und ein gewaltig Kreuz auf hoher Lanze.

9
In langem Zug, gesenkten Auges, schweigend,
10
Langsam und feierlich zum Chore steigend,
11
Jetzt braust ihr Lied, und Orgelklang gewittert,
12
Daß Wand und Pfeiler bebt, die Kuppel zittert:

13
»weh! Was wir bauten, ist in Schutt geschmettert!
14
Weh! Was wir säten, hat der Sturm entblättert!
15
Das Loos all' unsres Lebens und Gebetes,
16
Der Mensch zertritt es, und der Wind verweht es!«

17
Dort unten wandeln zwei verblichne Meister!
18
Das sind des Bildners und des Malers Geister,
19
Jetzt vor zerfallnen Marmorbildern stehend,
20
Jetzt manch entfärbtes Altarblatt besehend:

21
»weh dir, o Zeit! Verstümmelt wie ein wilder,
22
Muthwill'ger Bube hast du unsre Bilder!
23
Weh euch, o Staub und Moose! Euer Weben,
24
Das Bahrtuch ist's von unsres Geistes Leben!«

25
Und wieder trat aus einem schlichten Grabe
26
Ein Mann mit Zirkel, Winkelmaß und Stabe;
27
Er setzte sich auf morsche Quadernstücke,
28
Arkad' und Kuppel maßen seine Blicke:

29
»weh! Stolzer Säulen Zier liegt rings gebrochen!
30
Mir ist's, als wären's meine eignen Knochen!
31
Wer untergeht im Werk all seines Lebens,
32
Der stirbt wohl zwiefach, ach, und lebt vergebens!«

33
Indeß stand lächelnd mitten unter ihnen
34
Der helle Mond und sprach mit heit'ren Mienen:
35
»ich wall' als Geist der Sonn' in dieser Stunde,
36
Und so spricht sie zu euch aus meinem Munde:

37
Ich wandle meine Bahn seit Jahr und Jahren,
38
Wer hat des Leides mehr als ich erfahren?
39
Was nennt ihr eures Lebens Preis vergebens?
40
O seht den schnöden Preis all meines Lebens!

41
Ich bin das Licht! – Die Welt liegt noch in Nächten!
42
Ich bin die Freiheit! – Sie ist voll von Knechten!
43
Ich bin die Liebe! – Sie ist hassestrunken!
44
Ich bin die Wahrheit! – Sie in Trug versunken!«

45
Und wie er's sprach, war's, als ob flüchtig walle
46
Ein leis Gewölk vor seinem hellen Balle,
47
Wie um ein schönes Antlitz Gramgedanken!
48
Die Geister aber in die Nacht versanken.

49
Der ew'ge Mond durchs Kirchenfenster schimmert,
50
Die ew'ge Lampe matt und matter flimmert;
51
Die Leichenstein' im fahlen Zwielicht ragen,
52
Im Osten graut's, mich dünkt, es will bald tagen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.