1.

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Anastasius Grün: 1. (1842)

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Ihr fragt mich lächelnd, ob ich Glaser worden,
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Die Zunft ertauscht um freien Dichterorden,
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Daß ich mit so gebrechlich zarter Waare
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In das Gedräng' des Dichtermarktes fahre?

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Erlaubt, daß ich das blanke Glas euch deute,
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Ihr war't mir milde stets, o seid's auch heute;
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Wie schad', wenn Einer aus der Hand mir's stieße,
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Und euch's in Scherben fiele vor die Füße!

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Seht dort des Klosters morsche Mauerzinken
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Verschämt und halb versteckt aus Föhren blinken.
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Ha, welch lebend'ges Leben rings sich regte,
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Als einst der erste Abt den Grundstein legte!

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Aus Kronen brachen Kön'ge da Juwele,
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Daß es an Steinen für den Bau nicht fehle;
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Es lösten Frau'n die güldnen Kettlein wieder,
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Um fest zu binden des Kolosses Glieder.

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Alltäglich stand mit früh'ster Morgenhelle
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Der Abt, den Bau befeuernd, schon zur Stelle
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Mit strengem Worte und mit mildem Weine,
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Daß man mit Fug aus Wein den Mörtel meine.

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Da schlich einst still ein Bettler um die Wände
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Und brachte scheu ein Pfennigstück als Spende:
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»herr, laßt dieß Sandkorn eurem Bau gesellen,
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Nur karger Trank quillt aus versiegten Quellen.«

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Es sprach der Abt: »Schön Dank und Christi Gnade!
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Das gibt für's Fenster dort die Scheibe grade!«
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Da ging der Schalk und wünscht' in seiner Seele,
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Daß es dem Hause nie an Lichte fehle.

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Doch, von des Abtes Demantring geschrieben,
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Ist in der Scheibe noch der Spruch geblieben:
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»aus eines Bettelsackes Finsternissen
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Seht hier das Licht und Gold der Sonne fließen!«

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Und rüstig aus dem blanken Mauerwalle
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Stieg Kuppel, Kreuzgang, Thurm und Säulenhalle;
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Hoch ragt der Bau und dehnt sich weit und weiter
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Als feste Schanze für die Glaubensstreiter.

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Zum Bannerträger sie den Thurm erkiesen,
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Hoch flammt das Goldkreuz in der Hand des Riesen;
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Gleich tausend goldnen Schilden glühn vom Hügel
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Weithin ins Land der Fenster lichte Spiegel.

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Als eine Wache, stolz und auserkoren,
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Stehn hohe Marmorbilder vor den Thoren;
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Nie lüstet's sie, in Schlummer sich zu neigen,
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Denn Wächterpflicht ist Wachen ja und Schweigen.

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Es braus't aus hundert Kehlen um die Wette
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Empor als Schlachtgesang Choral und Mette;
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Als Trommeln laut zum Sturm die Kanzeln klingen,
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Drauf rüst'ge Schlägel ihre Wirbel springen.

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Und horch, sie lösen dröhnend ihr Geschütze:
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Die Glocken sind's auf luft'gem Wolkensitze!
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Wenn ihre Donner durch den Aether zittern,
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Scheint's selbst bei heit'rem Himmel zu gewittern.

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So war es einst! – Jetzt sehn die grauen Reste
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Scheu auf des sonn'gen Thales Blüthenfeste,
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Wie wenn ein Greis gerieth in Kinderspiele,
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Ein düstrer Eremit ins Tanzgewühle.

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Durch jenen Riß der Kuppel, halbzerfallen,
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Drängt Mond und Stern sich in des Domes Hallen,
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Als sei'n zu stiller Andacht sie gekommen,
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Zu mehren dort die kleine Schaar der Frommen.

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Ich seh' den Thurm, gesenkten Haupts mit Schweigen,
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Den stolzen Leib gekrümmt in Demut neigen;
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Hat ihm des Alters Last gebeugt den Rücken?
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Will neuer Zeit er seinen Bückling nicken?

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Warf Sturm die ries'gen Quadern auch zu Trümmern,
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Seh' ich des Bettlers schwaches Glas doch schimmern,
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Als ob, was fromm des Herzens Andacht weihte,
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Selbst die Zerstörung zu berühren scheute!

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Am Sternenkranz, Madonnas Bild umschwebend,
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Seht eines Taubenpärchens Nest jetzt klebend,
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Als rief es girrend zu dem Erdensohne,
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Daß Liebe gerne bei den Sternen wohne!

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Sankt Peters Bild ließ seine Schlüssel fallen,
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Als stünde Edens Thor nun offen Allen;
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Sie sanken in die scharfen Nesseln nieder:
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Nur Handschuh oder Eisen hebt sie wieder!

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Auf schmalen Raum im weiten Bau beschieden
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Sich jetzt des Glaubensstreites Invaliden,
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Als flöhen sie vor der Zerstörung Tritten;
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Rasch aber folgt die Sieg'rin ihren Schritten!

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Und wie der Arm der Zeit die Pfeiler schüttelt
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Und an den Kuppeln und Gewölben rüttelt,
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Dröhnt dumpf der Fall der Steine durch die Hallen,
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Wie des Verfolgers ferne Schüsse fallen.

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Der Zellen und des Kreuzgangs öde Massen
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Sind längst dem Feind als Beute überlassen,
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Drin Eul' und Fledermaus ihr Lager breiten,
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Vorposten des Vertilgungsheers der Zeiten.

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Manch Marmorbild in Gras und Rosensträuchen
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Versenkt, gleich unbegrab'nen Kriegerleichen!
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Wie vom erklomm'nen Wall, weht vom Altane
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Das grüne Moos als Siegs- und Friedensfahne!

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So liegt ein kranker Greis im Todesbeben,
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Durchs Herz allein noch zuckt ein Fünkchen Leben;
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Die Seele ahnt's, es spricht's sein brechend Auge,
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Daß er der Welt, und sie ihm nimmer tauge.

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Tritt hin, mein Lied, – wir kämpfen nicht mit Leichen! –
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An seines Mundes Hauch dein Licht zu reichen!
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Verwandl' in Epheu dich und fröhlich treibe
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Zur Wand empor bis an des Bettlers Scheibe!

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Wirf einen Blick hinein, dann lustig weiter!
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Und schleud're deine Festguirlanden heiter,
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Daß ihr Gewind' von Säul' an Säule reiche,
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Ein weicher Kranz den Schläfen dieser Leiche.

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Ich aber singe durch die deutschen Gauen,
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Wo rüst'ge Meister stolze Dome bauen;
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Nehmt hin mein Lied, und laßt es euch gefallen
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Als eine Scheib' in deutschen Dichterhallen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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