1.

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Anastasius Grün: 1. (1842)

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Ich lag im weichen Gras, gelehnt auf Trümmer,
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An Istriens vom Lenz umblühten Strande;
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Der Himmel quoll in abendros'gem Schimmer,
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Das Meer erglomm im purpurrothen Brande.

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Sie wollen flammend Beid' in eines fließen,
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Nicht sieht das Aug', wo Meer und Luft sich trennen,
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Wie sich zwei Lippen an einander schließen,
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In einem ew'gen Liebeskuß zu brennen.

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Von Liebe wollen Flur und Hain erzählen,
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Das ist rings ein Erröthen, Flüstern, Kosen!
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Die Wellen hüpfen ans Gestad' und stehlen
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Sich flüchtig Küsse von des Strandes Rosen.

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Sie legen Nachts gar heimlich und behende
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Ans Land der Muscheln farbenreich Geschmeide,
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Daß Morgens an der Liebe zarter Spende
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Der Rosen Aug' sich beim Erwachen weide.

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Doch du dort, alter Thurm, öd' und zerfallen,
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Willst du nicht auch von Lieb' ein Wörtlein sagen?
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Mich dünkt es, deine morschen Quadern lallen
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Ein böses Lied aus alten, bösen Tagen!

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Dein Antlitz blickt so ernst, als ob es zürne,
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Und finstres Moos ist dämmernd drauf zu schauen,
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Wie auf des Denkers tiefgefurchter Stirne
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Die dunklen und gedankenschweren Brauen.

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Wohl dämmert's in dir von Erinnerungen,
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Wie Schuldbewußtsein in des Sünders Herzen,
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Du finsterer Geselle, rings umschlungen
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Von ros'gen Schäkern und verliebten Scherzen!

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Ob deinem Thor ein Wappen, moosumwoben,
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Ein Löwe ist's, das Evangelium haltend!
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Venedig, ha, dein Leu! Wohl muß ich loben
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Des Sinnbilds Wahl, dein ganzes Sein entfaltend.

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Der Mähne Königsmantel schüttelnd, Leue,
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Doch nicht verleugnend das Geschlecht der Katze!
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Das heil'ge Buch des Glaubens und der Treue
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Erhoben hoch, – doch in bekrallter Tatze!

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Großmüthig, wenn gesättigt schon vom Morden,
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Und sanft, wenn du gebändigt mußt erliegen,
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Dein Thron die Kluft, drin nie es Tag geworden,
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Und doch voll Glanz und Ruhm und Kraft und Siegen!

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Sprich, und was wolltest du am Thurme dorten?
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Ich ahn's, ein Kerker war's! Als Kerkermeister
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Hat sich der Leu gelegt vor seine Pforten,
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Denn gern in Haft hielt Leiber er und Geister!

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Sieh hin jetzt: du zertreten, er zerschlagen!
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Sieh selbst dein Werkzeug: Ketten, Eisenstangen
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Im Purpurschmuck des Rosts am Siegeswagen
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Der Freiheit als entthronte Zwingherrn prangen!

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Selbst in die Quadern, die den Thurm dir trugen,
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Ist einst der Freiheit frischer Hauch gefahren,
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Daß sie in wilder Lust aus ihren Fugen,
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Sich selbst entknechtend, taumelten in Schaaren!

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Die Klagen, die sie hörten, tönen wider
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Aus ihrer Marmorbrust, der schmerzgeweihten:
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Es senkte drauf sich dunkler Epheu nieder,
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Die immergrüne Elegie der Zeiten.

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Ein Oelbaum sprießt nicht fern, den Schutt verschönend,
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Und Rosen rankten dran die jungen Triebe;
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Zur Menschensaat des Hasses pflanzt versöhnend
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Natur so gern den Frieden und die Liebe.

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Doch wie die Lüfte flüstern heimlich leise,
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Und wie die Wellen rauschen auf und nieder,
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Wehn aus den Trümmern still, in düstrer Weise
64
Zu mir herüber des Gefangnen Lieder:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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