Frühlingsluft weht allbelebend!

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Anastasius Grün: Frühlingsluft weht allbelebend! Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Frühlingsluft weht allbelebend!
2
Frühlingsschwalb' ist heimgereist,
3
Hat, ob Wiens Palästen schwebend,
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Schon die Kaiserburg umkreist;

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Pickt die Spiegelscheibe leise,
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Da sie einmal schon gepickt,
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Draus der Kaiser sonst, der greise,
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Auf sein Volk und sie geblickt.

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Doch sie sieht dieß Antlitz nimmer
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Mit des Munds schalkhaftem Scherz,
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Mit des Augs gutmüth'gem Schimmer, –
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Oft doch hart und kalt wie Erz.

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Stumm des Jubels Hochgewitter,
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Dieses Mannes stät Geleit!
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Stumm doch hinter manchem Gitter
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Auch das Murren böser Zeit!

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Frühlingsschwalbe sei kein Richter,
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Urthel nicht ihr Frühlingsgruß;
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Doch sie ist Prophet und Dichter,
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Der versöhnen, warnen muß.

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Zu des Grabgewölbes Hallen,
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Das des Greises Asche barg,
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Läßt sie ihre Schwingen wallen,
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Zu dem ehrnen Kaisersarg.

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Frühlingsgruß will sie ihm bringen;
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Doch, gestreift vom Flügelschlag,
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Tönt von einem Lenz sein Klingen,
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Den sie selbst nur ahnen mag.

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Nicht der Schlaf des Kaisersprossen,
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Höh'res heiligt diesen Raum:
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In dem Katafalk verschlossen
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Ruht der deutschen Einheit Traum.

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Denn in dieses Greises Haaren
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Lag zuletzt der Reif von Gold,
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Der die deutschen Fürstenschaaren
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In Ein Volk verbrüdern sollt'.

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Und in diesem ehrnen Bette
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Schläft der Mann, deß Herz allein
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Deutschlands Herz war, oder hätte
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Deutschlands Herz doch sollen sein.

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O daß bei den Leichenkerzen
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Fürsten all im deutschen Land
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Ueber diesem heil'gen Herzen
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Sich zum Bund gereicht die Hand!

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Laßt in diesem Sarg verschlossen
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Deutscher Einheit alten Traum;
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Wahrer Einheit, ihr Genossen,
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Breitet sich ein größrer Raum!

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Denn als Herold mit dem Stabe,
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Der das Wappenschild zerbrach,
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An des letzten Kaisers Grabe
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Ein Jahrtausend stand und sprach:

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»lernt, daß euer Heil geschmiedet
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An ein einzeln Haupt nicht sei!
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Daß ihr Schein vom Wesen schiedet,
56
Brach ich das Symbol entzwei.

57
Um des Reichs Kleinode lodre
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Nimmer Aachens, Nürnbergs Zank:
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Stol' und Gurt im Schreine modre,
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Karols Degen rost' im Schrank.

61
Denn ein schönres Schwert gezogen
62
Hat der freien Männer Hand;
63
Aller Schultern soll umwogen
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Deutscher Herrlichkeit Gewand.

65
Euer Hoffen, euer Sehnen
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Hat kein Einzler ganz vollbracht;
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Drum euch All will ich belehnen
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Mit des Reiches Glanz und Macht.

69
Denn in allen deutschen Adern
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Flammt der Purpur, der nie bleicht;
71
Eure Herzen sei'n die Quadern
72
Jenes Baus, deß Grund nicht weicht.

73
Und ihr Alle seid berufen
74
Mitzubau'n am großen Bau,
75
Ihr am Thron, ihr an den Stufen,
76
Ob das Röcklein weiß, ob blau.

77
Und ihr Priester, Redner, Lehrer,
78
Streut die Saat mit kluger Hand,
79
Pflanzt, des Reiches wahre Mehrer,
80
Lieb' und Recht fürs deutsche Land!

81
Daß die Größen eurer Helden
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Nie auf deutschen Nacken steh'n,
83
Daß von deutscher Schmach nie melden
84
Eure deutschen Siegstrophä'n.

85
Daß nicht Krämerellen messen,
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Was ein großes Herz nur mißt;
87
Und nicht Fürsten leicht vergessen,
88
Was ihr Bürger schwer vergißt;

89
Nicht den Wandrer Pfahl und Schranke,
90
Wie so klein die Ländchen, mahnt,
91
Daß sein einiger Gedanke:
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Wie so groß das deutsche Land.

93
Daß wo euch der Glauben schiede,
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Euch vereine Deutschlands Schild;
95
So verschmilzt ein Liebesfriede
96
Blond und Schwarz, und Streng und Mild.

97
Daß der Baum der freien Rede
98
Frucht im Nord und Süden bringt;
99
Rheingott nicht bedroht mit Fehde,
100
Was die Donaunymphe singt.

101
Bund und Eintracht erst vereine
102
Eure tausend Schulzen fein,
103
Dann ein Leichtes wird's, ich meine,
104
Mit den dreißig Fürsten sein.« –

105
Doch zur Gruft hinab selbst dringen
106
Frühlingsstimmen, Frühlingsduft;
107
Wundervolle Lieder klingen
108
Grüßend, hoffend durch die Luft.

109
Doch auch niegehörte Töne
110
Jauchzt ein kühn'res Sanggeschlecht;
111
Das ist eben Frühlings Schöne!
112
Freiheit ist des Lenzes Recht.

113
Schwalbe sagt Lebwohl dem Todten,
114
Schwingt sich in das Blau hinein;
115
Wo es lenzt, wird sie entboten,
116
Mit dem Frühling muß sie sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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