Welcher Wind weht, daß mir Alles heute kommt so türkisch vor

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anastasius Grün: Welcher Wind weht, daß mir Alles heute kommt so türkisch vor Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Welcher Wind weht, daß mir Alles heute kommt so türkisch vor,
2
Daß nun als Moschee und Harem ragt Palast und Kirch' empor,
3
Daß gemeine Weiden, Pappeln, in Cipreß' und Palm' verhext,
4
Und zum Weichselrohrkolosse mein Cigarrenstümpfchen wächst?

5
Glücklich ist des Marktes Springquell, der fast starb an Wassernoth,
6
Doch jetzt, orientalisch prasselnd, diamantne Sündfluth droht;
7
Glücklichster doch bist du, Esel, dem Kameel gleich angesehn,
8
Wähle frei, ob Höcker besser oder lange Ohren stehn?

9
In der Marmorwanne streckt sich dort der stolze Renegat,
10
Rosenwasser sprengt ein Diener, andre rings umstehn das Bad,
11
Weiße Linnen, duft'ge Salben haltend, stehn sie tiefverneigt,
12
Harrend stumm, bis ihre Sonne aus des Meeres Becken steigt.

13
Den Gebieter hält Behagen bei der Nymphe lang zurück,
14
Eins nur müht ihn: seinen Rücken wegzudrehn dem Dienerblick;
15
Denn ein Mann, der ein gestempelt Eisen trug von ungefähr,
16
Stieß das glüh'nde in der Heimat ihm einst drauf von ungefähr.

17
»dank« – so läßt er sich vernehmen – »sei dir, heil'ger Gott, gesandt,–
18
Doch nein, Allah dir! – denn also schreibst du dich ja hier zu Land;
19
Bei den Wunden des – halt inne! Hier heißt's ja: bei Mahoms Bart!
20
Spröde Christenzunge, Alles ist ja doch nur Redensart!

21
Heilige Redensart, dir dank' ich Ehren, Macht und Goldgewinn,
22
Daß des großen Wessirs Liebling, Herz und rechte Hand ich bin,
23
Daß ich darf, statt heim'schen Sandes, Paradiesesau'n durchtraben,
24
Daß mich, statt Teltower Rübchen, Corfu's Ananasse laben!

25
Daß ich, Iman meinem Schützer, Recht und Unrecht darf bescheiden,
26
So daß wir vom selben Strauche Ruthen oder Kränze schneiden;
27
Wie dem Ungar treu sein Schafpelz, ist das Recht uns ein Bewährtes,
28
Rauhes auswärts: Kühlung gibt es, Rauhes einwärts: Wärme nährt es!

29
Dank dir, daß du mir die Feder und das Messer schliffst gleich scharf,
30
Daß ich mit dem Herrn arbeiten an der Volksbeglückung darf,
31
Morgens, eh' wir sie beginnen, den durchlaucht'gen Bart rasire,
32
Abends, wenn wir sie vollendet, Hühneraugen operire!

33
Daß ich im Poetenhaine jeden Steg ihm zeigen kann,
34
Wie gesprochen und gesungen unser junges Turkistan,
35
Schöne Stellen mit dem Schwarzstift, Schnödes mit dem Röthel streichend,
36
Frevelndem Gedankenvolke schnell die rothe Schnur darreichend.

37
Ach, wie ist die Volksbeglückung der Gesundheit auch gedeihlich!
38
Wie seithero Wang' und Waden mir sich runden so erfreulich,
39
Und ein Bäuchlein schon Besitz nimmt von dem Platz, der leer sich fand,
40
Gleich dem led'gen Stuhl Sankt Peters, harrend, daß sein Pabst ernannt!«

41
Plätschernd steigt er aus dem Bade. Ein Rechtgläub'ger, der da harrt,
42
Ihn zu salben und zu kleiden, streicht sich stolz den grauen Bart:
43
»preis dir, Allah, daß geboren diesen Unhold fremdes Land,
44
Und kein Mann zu seinem Amte in ganz Turkistan sich fand!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.