Der Sturm braust über Helgoland

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Anastasius Grün: Der Sturm braust über Helgoland Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Der Sturm braust über Helgoland,
2
Und kann er nicht splittern Eich' und Palme,
3
So rüttelt und knickt er verdorrte Halme
4
Und ächzt im Schlot und wühlt im Sand
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Und schleudert hinan, die rothe Wand
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Mit mauerbrechenden Widdern zu fällen,
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Wuthschäumende, weißbevließte Wellen.

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Der laute Sturm ist ein schlimmer Gast,
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Ein schlimmrer doch sein stummer Begleiter,
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Der Hunger. Er zieht euch so bald nicht weiter,
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Wenn ihm dieß Eiland zur Wohnstatt paßt.
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Er hat die Schlüssel der Hausfrau erfaßt,
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Er löscht des Herdes Gluth, die ihm peinlich,
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Und scheuert die Schüsseln graunhaft reinlich.

15
Der Loots' am Fall'm blickt aus ins Meer,
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Ins Meer, das er sonst mit Wohlgefallen
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Sah als sein Kornfeld wogen und wallen;
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Die Ernte versagt's jetzt. – Sorgenschwer
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Späht er nach Verdienst, nach Brod umher;
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Zwar ruft in manch Schiff in Noth und Bedrängniß,
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Ans Land doch bannt ihn des Sturms Verhängniß.

22
Dort steht sein Weib, sonst unverzagt;
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Jetzt denkt's an die leere Vorrathkammer,
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Ein gräßlich Bild, wie der »lange Jammer!«
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Ihr Kind hat die letzte Kartoffel genagt;
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Kein Schiff aus Elb' und Weser sich wagt
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Zur Insel herein, zu stillen den Mangel,
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Kein Boot kann hinaus mit Netz und Angel.

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Das Eiland umgürtet der tosende Wall,
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Schon Wochen währt's und noch kein Ende!
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Wie Sterbende drücken sich Männer die Hände,
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Die Kinder vergaßen Spiel und Ball;
33
Kein Rauch entsteigt den Kaminen all,
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An Salz nur fehlt's nicht; Salzschäume stürzen
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Wie Hohn, wo keine Speise zu würzen.

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Fort braust der Sturm. – Sieh, dort im Orkan
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Rollt näher ein schwarzes Ungeheuer,
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Ein Riese von Wrack, ohne Mast und Steuer;
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Zum Eiland treibt's, an Bord ist kein Mann.
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Jetzt bäumt sich's zum letzten Sprung hinan
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Gleich einem zu Tod getroffenen Rosse,
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Dann fällt's! – Rings schäumen die Wogenkolosse.

43
Ein Krach! Geborsten stößt's auf den Strand,
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Rothdunkles Blut entströmt der Wunde,
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Doch lieblicher Weinduft quillt im Runde.
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Ein Ruck! Da rollen in rothen Sand
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Bordüber die Tonnen aus Cypern entsandt,
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Da kollern bis vor des Lootsen Schwelle
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Granaten und goldne Orangenbälle.

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Da rieselt das blonde Reiskorn sacht,
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Da taucht viel Edelfrucht aus dem Raume
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Von Dattelpalm' und vom Feigenbaume.
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Messina lud und versandte die Fracht,
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Die Rettung der Frieseninsel gebracht;
55
Dem Nord füllt Süd die Vorrathkammer,
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Sein Theil auch fällt dem »langen Jammer«.

57
Nun übe dein Strandrecht, Helgoland,
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Befrachte die Körbe und fülle die Flaschen!
59
Die Alten zechen, die Jungen naschen
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Und spielen Granatenball am Strand.
61
Ein Zauber verwandelt das Inselland,
62
Daß wie ein Orangenhain in Düften
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Es schwimmt, umhaucht von italischen Lüften.

64
Am Fall'm lehnt, nicht mehr sorgenschwer,
65
Doch wortkarg stets und unbeweglich
66
Der Lootse heut' noch, wie alltäglich,
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Berechnet stumm Gewinn und Beschwer,
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Und blickt hinaus ins weite Meer
69
Und sieht mit stillem Wohlgefallen
70
Sein reiches Kornfeld wogen und wallen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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