Dort steht das Haus, der schlicht'sten eins im Orte

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Anastasius Grün: Dort steht das Haus, der schlicht'sten eins im Orte Titel entspricht 1. Vers(1842)

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Dort steht das Haus, der schlicht'sten eins im Orte,
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Die sich wie Kriegerreihn an Haltung gleichen;
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Nur trägt's die Marmortafel ob der Pforte,
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Wie eine Heldenbrust das Ehrenzeichen.

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Ein kahler Ziegelbau mit Riegelwänden
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Und steilem Giebeldach nach Landessitte;
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Dir aber ist's, als ob an allen Enden
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Ein milder Glorienschein den Bau umglitte.

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Gemeines Weinlaub will zum Simse klettern,
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Der Mauern Risse doch verbirgt's in Ranken;
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So wird's zum Lorber, schön mit heil'gen Blättern
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Am Haupt umhüllend Furchen der Gedanken.

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Das Holz der Treppen, ausgetreten, enge,
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Beschämt den Marmorbau vor Tempelhallen;
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Wo gäb's so edler Waller fromm Gedränge,
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Wie hier vor uns empor und nach uns wallen!

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Wir treten ein. Uns will's die Brust umschnüren,
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Als ob wir bang im Saal des Königs ständen;
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Andacht und Demut will das Herz uns rühren,
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Als ob wir uns in Gottes Kirche fänden.

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Wir stehn am Pult, wo Er gedacht, gedichtet.
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All' was des Schönen, Großen er gesonnen,
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Hat übermannt uns jetzt und aufgerichtet,
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Getränkt, geläutert aus kristallnem Bronnen.

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Das Schweigen herrscht, wo einst sein Wort geklungen.
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Mehr als dieß Wort, nicht frei von ird'scher Fehle,
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Hat uns des Schweigens Geisterbann bezwungen,
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Und fromm Gelöbniß keimt aus unsrer Seele.

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Hier dünkt uns doppelt arm jed' ärmlich Streben,
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Groß können Wen'ge, gut sein kann der Kleinste;
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Des Ortes Weihe adelt uns das Leben,
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Wie sie geadelt hier selbst das Gemeinste:

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Der Tropfen, der aus seiner Feder spritzte,
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Die Spur, die in die Dielen er getreten,
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Der Strich, den dort er in die Scheiben ritzte,
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Sie sind uns Feuerstapfen des Propheten.

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Selbst hier das Spinngehäng', – wer möcht' es missen!
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Uns will der Ueberfleiß der Magd mißfallen,
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Die weg den Staub gefegt, der – könnt ihr's wissen?
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Den Sohlen des Unsterblichen entfallen!

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So wirkt der Todte noch! – »Welch froh Getriebe
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Umgab sein Leben erst!« – – O thöricht Wähnen!
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Wohl schritt hier an der Muse Hand die Liebe,
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Aus sel'gen Träumen stieg ein göttlich Sehnen.

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Doch hielten Einkehr auch viel dunkle Stunden
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Und böser Schatten viel an diesem Orte,
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Die Mißgunst hat den Weg herein gefunden,
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Die Scheelsucht schlich auflauernd um die Pforte;

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Die Läst'rung schoß die Pfeile, ihn zu necken,
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Durchs Fenster her in schadenfroher Wonne;
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Der Neid fand in der Sonne jeden Flecken,
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Wie wir in jedem Flecken jetzt die Sonne. –

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Hier stand sein Bett. Da hab' ich denken müssen
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Des Wiegenlieds aus fernen Kinderzeiten
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Von Engelein zu Häupten und zu Füßen,
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Von Engelein zum Schutz an allen Seiten.

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O hätten sie bewacht auch seinen Schlummer!
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Entbehrung, Sorge saßen hier als Gäste,
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Zu Häupten Unmut und zur Seite Kummer,
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Krankheit war von den Engeln fast der beste.

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Doch jetzt! Ein lieblich Wunder will mich's deuchten:
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Die Harfe brach, – doch tönt ihr Klang noch immer!
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Der Feuerthurm sank ein, – doch blieb sein Leuchten
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Und gießt auf Land und Meer noch vollern Schimmer!

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Es gibt ein sonnig Land, – wir nennen's: Leben,
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Und eine dunkle Kluft, – wir nennen's; Sterben;
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Doch dunkel und zerklüftet war dieß Leben,
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Die Sonnenzeit brach an mit seinem Sterben.

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Und machtlos wird an diesen heil'gen Stätten
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Der Sonne Gold mit allen Schmeichellüften,
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Mit allen Zauberklängen, Blumenketten! –
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Das Heimweh zieht uns zu den dunkeln Grüften.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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