Ihr Spinnenflöre, Epheuhecken

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Anastasius Grün: Ihr Spinnenflöre, Epheuhecken Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Ihr Spinnenflöre, Epheuhecken,
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Die ihr um Schutt Gewänder schürzt;
3
Von Gips du Engelschaar der Decken,
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Die bald aufs neu vom Himmel stürzt;
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Nun jubelt oder bangt mit Schweigen,
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Euch bringt's Verderben, bringt's Gedeihn:
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Heut nimmt Besitz von seinem Eigen
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Der neue Herr auf Rabenstein.

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Dem, der nach Gransons Schlacht gefunden
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Karls Demant, schien's ein Glas gering;
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Im Herzogshut einst der Burgunden,
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Ziert jetzt er Habsburgs Kronenring.
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Wenn schön und echt, bleibt auch das Alte,
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Mag wechselnd gleich das Beiwerk sein;
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Drum neuer Fassung Schmuck erhalte
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Das alte Kleinod Rabenstein.

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Es baut ein König sich am Rheine
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Aus altem Stein ein neues Haus;
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Das Lied, das moos'ge Runensteine
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Gern kränzt mit heut' erblühtem Strauß,
21
Es möcht' ihn mahnen, zu umwinden
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Mit frischem Kranz den alten Stein;
23
Doch leichter wird Gehör es finden
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Beim schlichten Herrn von Rabenstein.

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Am Thor des alten Bauherrn Wappen,
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O laß es stehn, wie sonst es stand:
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Es adelt auch den Leinwandlappen
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Das Monogramm der Künstlerhand.
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Ringmauern morsch mit schart'gen Thürmen,
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Laß sie in Schutt zerfallen sein;
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Nur Freundeschaaren werden stürmen,
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Was soll ein Wall auf Rabenstein?

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Schlingpflanzen lasse Ranken schlagen,
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An morscher Wand aufklettern weit,
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So blüht die Gegenwart, getragen
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Auf Schultern der Vergangenheit.
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Im Hofraum laß vielfarbig prangen
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Der schönsten Dahlien bunte Reihn,
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Wie Pagen, die geschmückt empfangen
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Den edeln Herrn auf Rabenstein.

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Steil klimmt der Pfad zu Himmelshallen,
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Dahin führt diese Treppe wohl;
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Nicht gut ist's, nur in Stapfen wallen,
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Die noch vom Tritt der Ahnherrn hohl;
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In Saal und Himmel läßt sich kommen
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Wohl auch mit ungebrochnem Bein,
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Drum wird die neue Treppe frommen
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Dem alten Haus auf Rabenstein.

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Die Neuzeit lehrt den Lenz bestehlen,
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Ihr Zimmer blüht als Gartenbeet;
51
Zu treu ist's, wenn in deinen Sälen
52
Der Regen tropft, der Sturmwind weht;
53
Ein altes Recht ist's span'scher Granden,
54
Vorm Thron bedeckten Haupts zu sein;
55
Baarhäuptig ist er lang gestanden,
56
Drum gönn' ein Dach dem Rabenstein.

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Hinaus, was nistet nur im Dunkel,
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Hinaus, was nur im Schmutz sich nährt!
59
Ihr Spinnen, weiter tragt die Kunkel,
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Ihr grauen Flatt'rer, räumt den Herd!
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Doch soll die Schwalb' ihr Nest nicht missen,
62
Verbannt darf Freiheit, Lenz nicht sein,
63
Die mögen, wie ein wach Gewissen,
64
Dich mahnen, Herr von Rabenstein.

65
Ein Burgpfaff fehlt; doch ist ein Streiter
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Die Kirch' auf Erden, wie du weißt,
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Drum mein' ich: schick den Pfaffen weiter,
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Es walt' im Haus des Friedens Geist;
69
Der Sturm wird selbst die Glocke ziehen,
70
Meßkleider wirkt der Sonnenschein,
71
Und gläub'ge Stimmung wird nicht fliehen
72
Den frommen Herrn von Rabenstein.

73
Des Fensters Glas ist auch ein Priester;
74
Dir fehlt noch solch ein Priester klar,
75
Des Himmels Licht empfängt und gießt er
76
Ins Haus dir unverfälscht und wahr,
77
Er wehrt von dir der Stürme Treiben,
78
Doch kann's ein schlechter Pfaff auch sein;
79
Drum vor vergilbten blinden Scheiben
80
Dich hüte, Herr von Rabenstein.

81
Ein Burggeist doch ist unentbehrlich,
82
Und fehlt er, werd' er angeschafft!
83
Den mächt'gen dünkt der Geist gefährlich,
84
Drum zieh auf Flaschen seine Kraft;
85
Halt' ihn, wie sie, in kühlen Räumen,
86
Doch mach's auch besser: laß den Wein,
87
Ist's Zeit, die Fessel brechen, schäumen,
88
Und schlürf' ihn, Herr von Rabenstein!

89
Dort seh ich einen Dom auch trauern
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Von ries'gem Maß, den Steinkamin,
91
Ein Dom, der längst aus seinen Mauern
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Sah Flammenkult und Andacht fliehn.
93
Geselligkeit schuf hier Altäre;
94
Bleibt ewig kalt ihr Opferstein?
95
Die Opferflamm' entzünd' und nähre
96
Sie treu im Haus von Rabenstein.

97
Die Flagg entroll' am Thurm den Winden,
98
Verkündend daß der Herr im Haus;
99
Wüßt' ich den Trödler aufzufinden,
100
Faust's Mantel wählt' als Fahn' ich aus:
101
Den Freunden soll sie weit zu sehen,
102
Unsichtbar läst'gem Gaste sein;
103
Ich säh' sie, hoff' ich, manchmal wehen
104
Vom alten Thurm auf Rabenstein.

105
Laß vom Balkon dein Auge schweifen,
106
Ergreif' Besitz von Strom und Feld,
107
Dir ward nur Lands ein schmaler Streifen,
108
Das Aug' erobert dir die Welt;
109
Schwerfällig tappt die Hand nach Erzen,
110
Das Aug' spricht: Was du siehst, ist dein!
111
Du zahlst mit Gold, geprägt in Herzen,
112
Mein reicher Herr von Rabenstein.

113
Sei mild den Bauern und Vasallen!
114
Ein Vater! Doch da fält mir bei:
115
Dir ist gar keiner zugefallen,
116
So bleibt wohl dein Gewissen frei.
117
Vom Ruhm der Burgherrn, Stechen, Rennen,
118
Mag Chronik voll und Sage sein,
119
Den glücklichsten doch soll sie nennen
120
Den neuen Herrn von Rabenstein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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