Die Elbe fließt so still, so glatt

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anastasius Grün: Die Elbe fließt so still, so glatt Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Die Elbe fließt so still, so glatt,
2
Die Sonne scheint so helle,
3
Kein Lüftchen weht, es bebt kein Blatt,
4
Es regt sich keine Welle.
5
So liegt das Land seit Wochen schier
6
In Sonnengluth und Ruhe,
7
Doch ist's, als läg' ein Leichnam hier
8
In einer gold'nen Truhe.

9
Der Brunn versiegt, der Strom verrinnt,
10
Daß seine Spiegel sinken,
11
Doch wie das Wasser fällt, beginnt
12
Gestein empor zu blinken,
13
Als Eiland steigt's, zum Fels versteint,
14
Drauf alte Schrift zu schauen:
15
»wer einst mich sah, der hat geweint«
16
Solch Wort ist d'rein gehauen.

17
»ei, hast so kläglich du's gemeint,
18
Wir wollen's lust'ger machen;
19
Wer einst dich sah, der hat geweint,
20
Wir sehn dich jetzt und lachen!
21
Versiegt der Brunn, so quillt doch frisch
22
Ein edles Naß im Keller;
23
Du Felsen trag' als Freudentisch
24
Mir Flaschenkorb und Teller!«

25
Der Landesfürst im Uebermuth
26
Er sprach's und rief zum Feste;
27
Zum Felsen mitten in der Fluth
28
Wiegt schon sein Kahn die Gäste.
29
Der Becher schäumt, die Schüssel dampft,
30
Musik ertönt im Runde,
31
Daß üpp'ger Tanz den Boden stampft
32
Wohl bis zur Morgenstunde.

33
Noch fiel der Strom, fällt fort und fort
34
Der Fels wächst mittlerweile,
35
Und sichtbar unter jenem Wort
36
Wird eine zweite Zeile.
37
Die Schaar, zur Heimfahrt jetzt vereint,
38
Mag's lesen auf den Steinen:
39
»wer einst mich sah, der hat geweint,
40
Wer jetzt mich sieht, wird weinen.«

41
Sie lassen an das Ufer sacht
42
Den schmucken Nachen gleiten;
43
Wie sie zum ersten Wort gelacht,
44
So lachen sie zum zweiten:
45
»als Pred'ger kamst du schon zu spät,
46
Dein Sprüchlein halt' in Ehren;
47
Laß sehn, ob du dich als Prophet
48
Wohl besser magst bewähren.«

49
Der Strom doch fließt so still, so glatt,
50
Die Sonne scheint so helle,
51
Kein Lüftchen weht, es bebt kein Blatt,
52
Es regt sich keine Welle. –
53
Solch Stillestehn ist schlimm'rer Sturm,
54
Solch Ruh'n ist langsam Sterben,
55
Der Friede wird zum Nagewurm,
56
Der Glanz wird zum Verderben.

57
Die Sonne liegt, ein Gluthvampyr,
58
Schwer auf der Brust der Erde,
59
Saugt ihrer Ströme Blut mit Gier,
60
Verschlingt ihr Saat und Heerde;
61
Der Hochwald sieht in Kümmerniß
62
Vom Haupt die Locken fallen,
63
Die Trift zerbarst, als sei's ein Riß
64
Von jenen Feuerkrallen.

65
Gerippen gleich starrt Busch und Dorn,
66
Den keine Regen streiften;
67
Vom Baum die Frucht, vom Halm das Korn,
68
Sie fallen, eh' sie reiften.
69
Der Hunger zieht durch Stadt und Land
70
Und sein Gefolg', die Seuchen,
71
Daß durch die Fluren kahlgebrannt
72
Nur Noth und Jammer schleichen.

73
Gedeihn nur will ein einzig Naß
74
Am Südhang in den Reben,
75
Doch wird ein böser Tropfen das,
76
Wird Gift statt Labung geben;
77
Das grimme Feuer, das ihn kocht,
78
Fließt in die Menschenader;
79
Daß Hunger noch als Tollwuth pocht,
80
Daß Zorn entbrennt und Hader.

81
Der Aufruhr stürmt ans Fürstenthor;
82
Zwar weiß der Held zu siegen,
83
Doch will ein and'rer dunkler Flor
84
Ihm nicht vom Auge fliegen:
85
Des Volkes Elend unerreicht,
86
Wo einst so reicher Segen!
87
Da wird des Fürsten Auge feucht,
88
Das war der erste Regen.

89
Wohl folgt dem auch der and're nach,
90
Sanft thauend aus der Wolke;
91
Es grünt der Wald, es rauscht der Bach,
92
Und Glück erblüht im Volke.
93
Doch ob die Wasser Schrift und Stein
94
Längst überquollen haben,
95
Das Felsenwort blieb fest und rein
96
Ins Fürstenherz gegraben.

97
Und fließt so glatt der Zeiten Fluth,
98
So still als ob sie schliefe,
99
Doch weiß er: das Verhängniß ruht
100
In seiner dunklen Tiefe.
101
Weh, wenn die Zeichen, die er meint,
102
Am Licht des Tags erscheinen!
103
Wer sie schon sah, der hat geweint,
104
Wer einst sie sieht, wird weinen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.