Nachtigallenmacht

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Anastasius Grün: Nachtigallenmacht Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Nachtigallenmacht
2
Füllt den Eichenwald,
3
Weithin widerhallt
4
Jauchzen der Liederschlacht.

5
Polens Heeresmacht
6
Lagert am Waldessaum,
7
Fürst Jagello, im Traum,
8
Ruht, vom Zelt umdacht.

9
Plötzlich ihn erweckt
10
Langentbehrter Klang, –
11
Ha, der Sprosser Sang
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Hat ihn aufgeschreckt.

13
Durch Verhau und Wacht
14
Dringt's ins Königszelt,
15
Und ihn überfällt
16
Nachtigallenmacht.

17
Von dem Schilde dort
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Als ein Echo prallt's,
19
In dem Helmrund wallt's
20
Tönend fort und fort;

21
Süßer Klang umspinnt
22
Ihm das Schwert zugleich,
23
Wie mit Watte weich,
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Wie mit Seide lind.

25
»klang der Seligkeit,
26
Längstvergess'ner Laut,
27
Wie erweckst du traut
28
Längstvergess'ne Zeit!

29
Meine Kinderzeit,
30
Als ich dir gelauscht,
31
Nachtigallberauscht,
32
Tief in Einsamkeit;

33
Mich im Forst verlor,
34
Bis mich Mütterlein
35
Fand in Todespein
36
Unter Busch und Rohr.

37
Dort ein muntrer Knab',
38
Hier ein müder Greis;
39
Dort das frische Reis,
40
Hier der morsche Stab!

41
Was dazwischen liegt,
42
Traurig sieht's mich an:
43
Dornenvolle Bahn,
44
Die der Fürst durchfliegt!

45
Kronen zwei vereint,
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Länder doch entzweit,
47
Im Senate Streit,
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Frieden nur vom Feind!

49
Blutumgrenzter Kreis,
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Kampf um Reich und Thron,
51
Mühen ohne Lohn,
52
Kränze ohne Preis!

53
Hohes halb erreicht,
54
Schlimmes halb besiegt!
55
Staat und Macht erliegt,
56
Und der Purpur bleicht.

57
Gib mir dein Geleit,
58
Wonniger Waldchoral,
59
Tauche mich noch einmal
60
In die ferne Zeit!«

61
Und er stürzt zum Wald,
62
Nachtigallberauscht,
63
Horcht und wallt und lauscht,
64
Wo's am schönsten schallt.

65
Doch die Klänge scheu
66
Vor dem Lauscher fliehn,
67
Locken ihn und ziehn
68
Mit sich fort aufs Neu;

69
Hier der rollende Fall,
70
Dort das flötende Flehn;
71
Holdes Irregehn!
72
Wohlklang überall! – –

73
Weißer Nebelflor
74
Hängt am Binsenstrauch,
75
Und mit qualmendem Hauch
76
Athmet schwer das Moor.

77
Kalt und scharf der Thau
78
Von den Blättern fällt,
79
Und der Irrwisch hält
80
Dort die Leuchte blau.

81
Durch das knisternde Rohr
82
Schleicht das Fieber sacht,
83
Auf den Lüften der Nacht
84
Schnellt's den Pfeil hervor;

85
Trifft ins Königsherz!
86
Greises Heldengebein
87
Ist nicht Stahl und Stein,
88
Nieder wirft ihn Schmerz.

89
An der Eiche Saum
90
Sinkt er todesmatt,
91
Letzte Liegerstatt
92
Beut der alte Baum.

93
So im Kriegeszug
94
Polens König starb,
95
Den kein Feind verdarb,
96
Den kein Schwert erschlug;

97
Starb nicht auf dem Thron,
98
Starb im Wald und Rohr,
99
Noch in seinem Ohr
100
Nachtigallenton.

101
In Gesang gewiegt,
102
Eingesargt in Sang!
103
So verschönt der Klang,
104
Was dazwischen liegt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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