Novara

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Anastasius Grün: Novara (1842)

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Der einst die Trommel fröhlich schlug
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In Kämpfen und Gefahren,
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Jetzt sitzt tiefsinnig er beim Krug,
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Ein Greis in Silberhaaren.

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Dort rauscht die Enns. Ein Apfelhain
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Umblüht den düstern Alten;
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Nur Heit'res rings, doch trüb allein
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Auf seiner Stirn' die Falten.

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Am Heerd des Sohnes ruht er aus,
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Von Enkeln hold umgeben,
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Schön ist das Land, fast reich das Haus,
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Für Andre welch ein Leben!

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Verschlossen bleibt sein strenger Mund;
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Doch wer ihn bringt zum Sprechen,
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Der hört aus tiefstem Felsengrund
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Die dunkle Quelle brechen;

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Der ahnt: dieß Haupt gebeugt von Scham
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Wird nie in Lust sich heben,
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Und diese Brust bewohnt ein Gram,
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Der flieht nur mit dem Leben. –

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Nun lauscht der Greis: mit freud'gem Klang
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Durchs Haus viel Stimmen schallten,
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Ein Krieger plötzlich ihn umschlang
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Und lag im Arm des Alten.

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Sein ält'ster Enkel ist's, bestaubt
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Vom Marsch aus fernen Reichen,
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Geschmückt, – drum trägt er stolz das Haupt, –
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Mit goldnem Ehrenzeichen.

29
Der junge Korporal doch spricht
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Im Ton des Feldmarschalles:
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»großvater, hängt den Kopf mir nicht,
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Das Schwert gewann uns Alles!

33
Ich komme von Novaras Feld,
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Das uns bekränzt als Sieger;
35
Das Eisen bleibt der Herr der Welt,
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Als Zepter führt's der Krieger.«

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Des Alten Blick mißt die Gestalt
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Des waffenstolzen Knaben;
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Sein flüchtig Lächeln ist gar bald
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Im Furchengrund begraben:

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»ließ't ihr vom Eisen etwas noch
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Für Pflug und Gartenmesser?
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Und trüg't das Haupt ihr minder hoch,
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Traun, mir gefiel' es besser.

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Ob echt und recht ein Kriegerherz,
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Befrag' erst Unglücksloose!
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Aus dunklem Schacht steigt helles Erz,
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Aus schwarzem Grund die Rose.

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Was hier dein goldner Pfennig spricht,
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Ich lob's: du standst in Ehren!
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Wer siegte mit Radetzky nicht
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Genüber Sardenheeren?!

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Doch komm, ich will ein Gegenstück
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Im wirren Schlachtenreigen,
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Will andern Feind dir, andres Glück
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Und andre Führer zeigen.«

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Des Alten Stübchen wohnlich traut
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Bewahrt in goldnem Rahmen
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Ein Feldherrnbild; doch Oestreich graut
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Noch heut vor diesem Namen.

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»ein Blinder,« so erklärt der Greis,
62
»der lahm vom Hauch der Schlange,
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Zermalmt von ehrnem Schuppenkreis!
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Uns riß zum Untergange!

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Ein Feldherr, der dem eignen Heer
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Einflößte Todesschrecken;
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Der Männern einst in blanker Wehr
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Gebot: die Waffen strecken!

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O Ulm, du hast die Schmach gesehn,
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Den Tag, verhüllt von Schande!
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Des dunklen Schleiers Schatten stehn
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Noch schwarz ob unserm Lande.

73
Vom Michelsberg sahn stolz herab
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– Noch heut fänd' ich die Stelle, –
75
Der Frankenkaiser und sein Stab,
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Die Garden und Marschälle.

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Vom Frauenthor schon rückten an
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Dort Oesterreichs Kolonnen,
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Doch zähneknirschend Mann für Mann,
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Die Brust von Scham umsponnen.«

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»kopf hoch!« gebot ein General,
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»brust vor!« hört' ich ihn sagen,
83
»der senken sollt' sein Haupt zumal,
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Die Brust in Reue schlagen.

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Die Trommeln klangen hohl und dumpf,
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Gern wollt' ich meine missen;
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O hätt' die Kugel mir vom Rumpf
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Zuvor die Hand gerissen,

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Bevor auf jenes Männleins Wort
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Ich ließ das Zeichen schallen,
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Daß zwanzigtausend Tapfern dort
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Vom Arm die Waffen fallen!

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Im Feld jetzt mußten sie zu Hauf
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Gewehr und Säbel legen,
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Trompeten dann und Trommeln drauf,
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Den Küraß auch und Degen.

97
Als so die Wehr von Oesterreich
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Sank vor des Korsen Tritten,
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Mir war's, als ob sie mir zugleich
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Vom Leib die Arme schnitten.

101
Und als ich zu der Trommeln Wust
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Die meine warf mit Grimme,
103
Mir war's, als sei aus meiner Brust
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Verbannt die eigne Stimme.

105
Als ab das Reitervolk dann saß
106
Und Fremden ließ die Zügel,
107
Der Siegesgöttin Austrias
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Gebrochen war der Flügel.

109
Die Fahnen senkten staubwärts sich;
110
Mir war's: als ob dem Heere
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Die eigne starke Seel' entwich',
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Des Herzens Herz: die Ehre.

113
Da ging durchs waffenlose Heer
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Die große Weihestunde,
115
Ein heil'ger Eid lag racheschwer
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Auf graunhaft stummem Munde.

117
Und leuchten schon am Tag der Schmach
118
Sah ich ein fern Gewitter,
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Als Mancher sein Gewehr zerbrach,
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Den Degen schlug in Splitter;

121
Als Grimm und Haß und Scham und Groll
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Den Funken glimmend fachte,
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Der dann zur Gluth in Aspern schwoll,
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In Leipzigs Donnern krachte.

125
Drum ehr' ich jenen Mann im Bild
126
In eigner Art als Retter,
127
Dieß dunkle Blatt Geschichte gilt
128
Mir hundert licht're Blätter.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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