Im Blachfelde ringen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anastasius Grün: Im Blachfelde ringen Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Im Blachfelde ringen
2
Die ehernen Geschwader
3
Zu rächen, zu sühnen
4
Der Könige Hader.
5
Und wieder verkünden
6
In Waffen zwei Heere
7
Die blutige Mahnung,
8
Die bittere Lehre:
9
Daß seit jenen Tagen,
10
Da Kain im Grolle
11
Den Bruder erschlagen,
12
Kein Retter erstand,
13
Kein Weiser sich fand,
14
Der Meinungen Streit,
15
Des Zwiespalts Brand
16
Zu lösen, zu löschen
17
Mit heilender Hand,
18
Daß der Blutthat Erbe
19
Nicht die Enkel verderbe.
20
Es wußten der milden
21
Gesittung Apostel
22
Nur umzubilden
23
In grimmere Waffen,
24
In Eisen und Flammen,
25
Die Keule des Wilden,
26
Daß, die einst zu Tode
27
Den Einen nur traf,
28
Jetzt Tausende schleudert
29
In ewigen Schlaf.
30
Des Himmels Blitze,
31
Des Donners Grollen
32
Aefft ihrer Geschütze
33
Aufleuchten und Rollen.
34
Die Gottes Gebote
35
Nur machen zu nichte,
36
Ihr Würgen und Schlachten
37
Sind Gottes Gerichte!
38
O herrlicher Richter,
39
Die tobenden Horden,
40
Die rauben und sengen,
41
Verstümmeln und morden,
42
Bis unter der Last
43
Der Greu'l und Verbrechen
44
Gelähmt und erschöpft
45
Sie zusammenbrechen!
46
Dann rufen sie jammernd,
47
Den sie thöricht verbannt,
48
Den Frieden, ins Land.
49
Doch kehrt er nicht wieder
50
Als der himmlische Bote
51
Von den Göttern entsandt
52
Mit des Füllhorns Brode.
53
Auf Flügeln von Blei,
54
Mit schwarzem Gefieder
55
Und heiserem Schrei
56
Schwebt er hernieder,
57
Ein Leichenrabe,
58
Der Todtes begrabe.
59
Die Faust bleibt König
60
Dem späten Geschlecht,
61
Dem größern Verderber
62
Das bessere Recht.

63
Hüben am Waldessaum von Sart
64
Steht Eugen an Malb'roughs Seite,
65
Drüben, auch ein Held im Streite,
66
Macht Villars, ihr Gegenpart;
67
Wie auf der Parketten Glätte
68
Ohne Straucheln, ohne Gleiten,
69
Weiß er auch gewandt zu schreiten
70
Auf der schlüpfrig blutigen Stätte.

71
Ueber den kämpfendeu Schaaren,
72
Leitend der Schlachten Geschicke,
73
Gleich blitzschleudernden Aaren
74
Schweben der Feldherrn Blicke,
75
Ruhn auf dem eigenen Volke,
76
Spähn nach des Feindes Fahnen,
77
Bohren durch Risse der Wolke,
78
Staubs und Rauches die Bahnen,
79
Mühn sich, bis in die Seele
80
Selbst des Gegners zu dringen,
81
Daß auch, was er verhehle,
82
Sichre ihr eignes Vollbringen.
83
Trefflich hat in Busch und Feld
84
Vorhut und Massen der Feind gestellt,
85
Reitervolk und Geschütze klug
86
Dem entscheidenden Punkt gesellt,
87
Wald und Lichtung gut benützt,
88
Daß sich der Kolonnen Zug
89
Frei bewege und doch geschützt;
90
Und wie wohlberechnet schlau
91
Schanzen errichtet und Verhau,
92
Selbst des Stroms treulose Wogen
93
Dienstbar in seinen Bund gezogen!
94
Doch was klar der Meister erdacht,
95
Groß und ganz sein Geist erschaut,
96
Wird, der Menge anvertraut,
97
Leicht zerbröckeln unvollbracht;
98
Ist ein Faden nur gerissen,
99
Schwer wird das Geweb' ihn missen;
100
Und versagt nur eine Hand,
101
Locker wird das ganze Band. –
102
Jetzt im Feindesheere Lücken
103
Sieht und nützt der Feldherr hüben:
104
»auf! Jetzt muß das Wagniß glücken!
105
Rasch den Stoß in Feindesrücken!«
106
Rasch doch ist auch jener drüben,
107
Führt mit Wucht den Gegenzug,
108
Füllt die Lücken wie im Flug;
109
Durch den trüben Nebeltag
110
Dringt sein Falkenaug' und mißt
111
Jedem Schlag den Gegenschlag,
112
Jeder List die Gegenlist.
113
Aber Eugen kann's nur loben,
114
Was mit Leid er soll erproben,
115
Und den Geist, mit dem er ringt,
116
Fühlt er eignem Geist verwandt,
117
Reichte, die das Schwert jetzt schwingt,
118
Jenem gern als Freundeshand,
119
Neigt die Stirne kranzumlaubt
120
Vor dem edlen Feindeshaupt.
121
Wer den Schwächern niederzwang,
122
Ward darum nicht selber stark,
123
Leichter Sieg wird Untergang,
124
Lähmt den Arm und frißt am Mark;
125
Doch wer mit dem Stärkern ringt,
126
Selbst ein Starker, fühlt die Kraft
127
Frisch am Widerstand beschwingt,
128
Wachsen an der Gegenkraft. –
129
Stund um Stunde währt das Ringen,
130
Unermüdlich mäh'n die Klingen
131
Und die Menschengarben fallen,
132
Doch ersteht ihr Rächer allen.
133
Horch, ein Prall in dem eisernen Knäule!
134
Sieh, welch mächtige Staubessäule!
135
Ha dort sprengt mit Wetterstreichen
136
Eugens Panzerschaar die Flanken
137
Und der Franzmann kommt ins Wanken,
138
Die gelösten Rotten weichen.
139
Mitten doch im Kugelregen,
140
Im Gewog' und Kampfgedränge
141
Leuchtet Villars' Heldendegen,
142
Lenkt
143
Rückzugswege macht er frei,
144
Springt Verwundeten hilfreich bei,
145
Bleibt in Siegen und Niederlagen
146
Eingedenk, daß er im Sohne
147
Auch ein Mutterleben schone.
148
Plötzlich rings um ihn welch Klagen,
149
Welch ein markerschütternder Schrei!
150
Weh, den Feldherrn traf das Blei.
151
Noch, auf der Sänfte fortgetragen,
152
Wacht er über jedem Leben,
153
Das in seine Hut gegeben;
154
Denn das Eigen ist's so Vieler,
155
Das auf diesem Zahltisch gilt,
156
Das Gepräg' mit Gottes Bild
157
Viel zu gut für wüste Spieler! –
158
Und es sieht der Feldherr hüben
159
Ihn die milden Thaten üben;
160
Auch der Gegner muß es preisen,
161
Daß der tapfre Mann von Eisen
162
In der Brust ein Herz auch trägt,
163
Wie's ihm selbst im Busen schlägt,
164
Das im rauhen Werk der Schlacht
165
Menschlich fühlt und liebvoll wacht;
166
An solch Herz wohl möcht' er fliegen
167
Und in jenen Armen liegen.

168
Wo sich große Seelen messen,
169
Ist der Kleinen Zwist vergessen;
170
Während sich die Massen morden,
171
Sind die Feldherrn Freunde worden;
172
Und das ganze Schlachtenwetter,
173
Trommelgewirbel und Horngeschmetter,
174
All dieß Rasseln, Knattern, Rollen,
175
All dieß Jauchzen, all dieß Grollen
176
Schmilzt im großen Weltaccord
177
In ein einzig glorreich Wort,
178
In den Vollklang aller Ehren,
179
In den Seelengruß zusammen,
180
Den sich über kämpfenden Heeren
181
Gottverwandte Herzen senden.
182
Und die Zungen lodernder Flammen
183
Und die Blitze von leuchtenden Bränden,
184
All die glühenden, sprühenden Schrecken
185
Werden feurige Freundesarme,
186
Die sich über dem tobenden Schwarme
187
Geister des Lichts entgegenstrecken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.