Herr Abbé

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Anastasius Grün: Herr Abbé (1842)

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Sprach der alte Prinz zum Sohn:
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»kind, ich dien' um Frankreichs Lohn,
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Bin an Kindern reich,
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Nicht an Gütern gleich;
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Taugst zu anderm nicht auf Erden,
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Magst mir ein Prälate werden.«

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Hübsch in Notredame stehn,
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Psalmen singen soll Eugen;
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Seltsamer Abbé,
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Flieht des Münsters Näh',
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Trägt Gesporn statt seidner Socken,
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Schwingt Rappiere statt der Glocken!

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Hält nicht sehr auf Kleiderpracht,
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Ist der Dose mehr bedacht,
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Ein Abbé zum Glück
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Nur in diesem Stück;
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Aber klopft er drauf, so schallt es
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Wie ein Schuß, von Pulver wallt es!

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Mädchen läßt er ungeneckt,
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Tag und Nacht im Buch er steckt;
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Grad in diesem Stück
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Kein Abbé zum Glück!
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Sein Brevier ist's, mögt ihr rathen,
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Nein, doch Alexanders Thaten!

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Glühend steigt es ihm zu Haupt;
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Unfrisirt, tabakbestaubt
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Fliegt er in das Schloß:
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»herrscher, kühn und groß,
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Gib mir Rang in Frankreichs Heere
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Daß ich's führ' in Sieg und Ehre.«

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König Louis ihn scharf beschaut:
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»seid mit Pulver zwar vertraut,
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Doch, mein Herr Abbé,
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Bleibt nur beim Rapé,
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Das Rapier doch mögt Ihr lassen,
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Einst den Bischofsstab zu fassen.«

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Schönes Frankreich, nun Ade!
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Gegen Wien trabt dein Abbé;
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Kaiser Leopold,
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Jedem Schwarzrock hold,
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Heißt in Oestreich ihn willkommen:
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»offen steht mein Reich den Frommen.«

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»ist im lieben Portugall
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Sanct Antonius Feldmarschall,
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Taugt wohl ein Abbé
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Mir in Türkennäh';
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Beten hilft so gut wie Raufen,
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Und ein Sieg auch ist das Taufen.«

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Die Dragoner, schlachtgereiht,
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Sehn das kuttenbraune Kleid,
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Lachen durch die Reihn:
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»kapuzinerlein,
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Lies uns Messe, weih' die Fahne,
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Pred'ge, neuer Kapistrane!«

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Und das Pfäfflein früh und spat
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Predigt gut in Feld und Rath;
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Springt einst rasch vom Pferd,
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Hält im Mund sein Schwert,
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Klimmt empor zum Türkenwalle;
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Diese Predigt lobten Alle.

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Und vor Belgrad auf der Schanz'
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Betet er den Rosenkranz.
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Riß vielleicht die Schnur?
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Daß auf Stadt und Flur
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Schwarz und dicht die Betkorallen
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Aus dem Paternoster fallen!

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Dann in Wälschland und am Rhein
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Räuchert er den Franzmann ein;
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Dieser Weihrauch doch
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Nicht nach Amber roch,
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Rauchfaß auch und heil'ge Kerze
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War von etwas grobem Erze.

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In Cremona holt vom Bett
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Er den Feind zur frühen Mett';
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Marschall Villeroi
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Stand im Schlafrock da,
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Frierend auf des Lagers Wiese,
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Eugens beste Morgenprise!

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Daß solch frommes Thun geehrt,
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Weiht der Pabst ihm Hut und Schwert,
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Deutschlands Kaiser gab
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Ihm den Marschallstab,
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Hängt ihm selbst des Vließes Orden
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Uebers Kleid mit goldnen Borden.

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Brittenschiffe schmückt sein Nam',
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Auch ein Bot' aus Frankreich kam:
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»könig Louis Euch beut,
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Eures Ruhms erfreut,
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Gruß und Rang in Frankreichs Heere,
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Daß Ihr's führt zu Sieg und Ehre.«

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Prinz Eugenius sinnt nicht lang:
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»eurem König schönen Dank!
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Folgsam seiner Lehr'
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Ward ich Missionär,
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Hab' in Oestreich eine Sendung,
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Führte gern sie zur Vollendung!

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Auch den Bischofsstab ich fand
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Freilich nicht in seinem Land;
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Doch von Zeit zu Zeit,
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Da die Grenz' unweit,
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Komm' ich, will der Herr mich schirmen,
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Gern auch in sein Kirchspiel firmen.«

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Also ehrten Land und See
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Oestreichs kleinen Herrn Abbé.
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Seiner Priesterhand
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Segen strömt aufs Land;
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Einig schwören's Pfaff und Laien:
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»ja, das sind die heil'gen Weihen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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