Das war der Dechant von Haselbach

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Anastasius Grün: Das war der Dechant von Haselbach Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Das war der Dechant von Haselbach,
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Der gastfrei' und ehrenfeste,
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Er segnet beim Opfer Brod und Wein,
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Doch trinkt und ißt er nicht gern allein,
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Und denkt schon der kommenden Gäste.

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Da steht mit dem Kännlein der Ministrant
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Und flüstert ins Ohr ihm leise:
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»sie kommen nicht! Denn der Eine jagt,
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Der Andr' erwartet die neue Magd,
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Der Dritte rüstet zur Reise.«

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Dem Alten entglitt der Meßkelch fast,
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Des heiligen Orts vergessen:
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»der Dachs im Bau nur schmaust allein,
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Da lad' ich mir lieber drei Teufel ein!«
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Im Schmerze schwört er's vermessen.

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Doch kaum gesprochen bereut er's schon;
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Im Pfarrhaus sitzt er jetzt betend,
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Da klappert im Hofe Pferdegetrab,
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Drei seltsame Junker springen ab,
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Flink in die Hausflur tretend.

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Er seufzt: »Aha, da sind sie schon!«
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Doch artiglich grüßen die andern:
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»wir hörten vom gastlichen geistlichen Herrn
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Und lüden auch uns zu Tische gern
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Mit Hunger und Durst vom Wandern.«

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Er nickt sein Ja, schlägt still sein Kreuz
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Und weiß sich schnell zu fassen;
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Doch reicht er den Gästen nicht die Hand,
29
In ihrem Handschuh glimmt ja ein Brand,
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Drum wagt er nicht ihn zu fassen.

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Er mustert die Drei vom Scheitel zur Zeh,
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Ein Büschlein am Hut trägt jeder,
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Das Schuhwerk scheint nicht von zierlichstem Bau,
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Den Pferdfuß drunter erkennt er genau,
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Wie oben die Hahnenfeder.

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Er denkt: die Mahlzeit verleid' ich euch,
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Ihr sollt's nicht zweimal wagen!
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Dann winkt er den Meßnerjungen herbei:
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»zieh deinen Chorrock an als Livrei
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Und rothen Talar und Kragen.

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Ins Salzfaß streu' Sankt Stefanssalz,
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Ein Kruzifix begleit' es,
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Gieß' Weihbrunn in die Kannen ein,
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Die Krüge füll' mit Kirchenwein,
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Zum Imbiß bring' nur Geweihtes.«

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Meßglöcklein rufen die Junker zum Mal,
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Doch tafeln sie unerschrocken;
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Weihwasser lassen sie Wasser sein,
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Sie tauchen den Gaum in den Opferwein,
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Ins heilige Salz die Brocken.

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Und Abend wird's; vom Altare holt
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Der Knabe geweihte Kerzen;
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Sie zünden am Licht die Pfeifen an,
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Verschwinden in Nebeln und Wolken dann,
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Man hört nur ihr Singen und Scherzen.

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Wie er so tapfer sie zechen sieht,
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Dem Dechant beginnt zu bangen:
58
»die Zeiten werden gar schlimm und schwer,
59
Selbst Teufel glauben an gar nichts mehr!
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Mein Mittel will nicht verfangen.«

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Da wünschen die Junker ihm: »Wohl bekomm's!«
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Und danken für Trank und Speisen:
63
»wenn wir dereinst im eigenen Haus,
64
Vergelten wir gern den heutigen Schmaus,
65
Dann wollt uns die Ehr' erweisen.«

66
»verzeiht, ihr Herrn; mir thun nicht gut
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Die überheizten Gemächer;
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Auch schmeckt verbrannter Braten nicht fein,
69
Hab' lieber den eigenen sauern Wein,
70
Als Pech und Schwefel im Becher.« –

71
Längst ward zu Gast von größerem Herrn
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Der gute Alte geladen;
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Jetzt blickt er von seinem Stern ins Land,
74
Hat längst in den Gästen von damals erkannt
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Studenten auf Wanderpfaden.

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Und der Euch gesungen diesen Reih'n,
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War selber bei der Geschichte,
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War Einer von den fahrenden Drei'n;
79
Er hat getrunken des Dechants Wein,
80
Geküßt des Dechants Nichte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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