4. Seebild

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Anastasius Grün: 4. Seebild (1842)

1
Durch die Wellen steuert ein Schwan so einsam,
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Hell und blank, wie die schimmernde Wasserlilie,
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Wie im Azur die ziehende Silberwolke,
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Blume der Erde zugleich und Bote des Himmels.
5
Von Balkonen herab und Blüthenterassen
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Streuen ihm weiße Hände nährende Brodsaat.
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Feierlich schwebt er heran, fast ohne Regung,
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Stäte Bewegung doch in seliger Ruhe,
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Gleich dem rückenden Zeiger auf dem Uhrblatt,
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Gleich dem reisenden Mondesnachen im Aether.

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Wie du feierlich stolz, o Schwan, dahinziehst,
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In dem flimmernden See ein einsamer Segler,
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Unter dir die glänzenden Spiegelbilder
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Blühender Ufer, goldener Himmelswölbung,
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Mächtiger Berge, die Natur rings thürmte,
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Freundlicher Stätten, die der Mensch hier geschaffen,
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Wird des See's kristallener blanker Spiegel
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Mir zum Spiegel der Zeiten und Geschicke,
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Wirst du selbst mir ein hehr und mahnend Sinnbild.

20
Wenn dir Sturm den schneeigen Flaum emporsträubt,
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Weithin flattert sein schwarzer Wolkenmantel
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Und die Wellen wie drohende Fäuste sich ballen
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Sieh, dann liegt der Spiegel zerschlagen, in Splittern,
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All die glänzenden Bilder sind zerstoben
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Und versunken in die chaotische Brandung.

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Doch auch wenn in sonniger Ruhe lautlos
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Ueber dir tiefblau der Aether sich breitet,
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Seines Lebens wollusthauchender Athem
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Leise, leise, wie Blumenduft, den See streift,
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Der so glatt und blank, wie metallgegossen,
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Daß er sich sanft zu regen beginnt und zu kräuseln;
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Da auch über den Spiegel wallt ein Zittern,
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Wellengeriesel und glitzernde Flimmerlichter
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Reißen tanzende Furchen in seine Flächen,
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Und die Risse durchziehn der Bilder Konturen,
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Daß ihr Band sich löst in Stücke zerfallend,
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Daß der Berge Säulen querüber gespalten,
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Wie geborsten die Gletscher, durchsägt die Wälder,
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Wie geknickt und zerpflückt die Blumen des Ufers.
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Auf den Höhen die Burg, im Thal die Hütte,
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Neben dem Römerstein der schimmernde Kirchthurm,
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Altes und Neues, sowie die Menschlein dazwischen,
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Alles zerschwankend, zerbröckelnd und zerfließend!
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Aber feierlich über den Bildertrümmern,
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Ueber dem Schwankenden ziehst du, einsamer Lootse,
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Deine Bahnen dahin, in beseligter Ruhe,
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Blank und rein, wie die schimmernde Wasserlilie.
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Leuchtend, wie im Azur die Silberwolke,
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Blume der Erde zugleich und Bote des Himmels.

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Also nagen und rütteln an allem Dasein
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Selbst die sonnigsten Stunden, wie spielende Wellen;
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Durch den lauschenden Weltraum knistert und rieselt
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Still und stät ein Verwittern und Verfallen,
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Körnlein Sandes im Stundenglase verrinnend.
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Aber das Dulden und Wünschen, Ringen und Hoffen
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Hingesunkner Jahrhundert' und Menschengeschlechter
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Lebt noch fort und fort in geläuterter Klarheit.
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Ueber dem Wellenspiel der fliehenden Stunde,
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Ueber den Völkertrümmern und Zeitenschutte,
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Ueber den Urnen aschegewordener Herzen
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Zieht der Wahrheit ewiger Lichtgedanke
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Unaufhaltsam die Bahn in beseligter Ruhe,
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An der Weltenuhr der weisende Zeiger,
64
In der Erdennacht die strahlende Leuchte,
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Hell und rein, wie du, sein liebliches Sinnbild.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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