1. Ausblick

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anastasius Grün: 1. Ausblick (1842)

1
Du grünendes Thal, du kristallener See,
2
Du liebliches Eiland mit blinkendem Kirchlein,
3
Ihr trotzigen Felsen, ihr lauschigen Forste,
4
Die ihr mir Aug' und Sinne umstrickt,
5
O löst mir das Räthsel und nennt mir das Wunder,
6
Womit ihr das Herz auch in Wonnen berauscht,
7
Den Geist auch in fesselnden Zauber mir bannt?

8
Dort ragt er empor hoch über den Seinen
9
Triglav, der uralte, das heilige Dreihaupt,
10
Mit weithin leuchtender Zackenkrone,
11
Der Erste, der Morgens den Purpur trägt,
12
Der Letzte, der Abends ihn fallen läßt,
13
Der Urahn eines Geschlechts von Giganten,
14
Vom Silberbart die athletische Brust,
15
Von eisigen Locken die Schultern umwallt,
16
Die Stirne getaucht in sonnige Glorie,
17
Doch auch umflort von ziehenden Wolken,
18
Wie von den Schatten tiefernster Gedanken.

19
Und wie zum festlichen Rathe versammelt,
20
Umstehn den Altvater die Hünengestalten
21
Von Söhnen und Enkeln und Enkelkindern,
22
Die Berge und Hügel, in faltigen Mänteln
23
Der Wälder mit blumengesticktem Saum;
24
Darunter schon Greise mit Schnee auf den Häuptern,
25
Doch Knochen von Marmor und Mark von Erz.

26
Am Seestrand wacht ein Jüng'rer der Sippe,
27
Der Fels mit der Burg, ein Krieger in Waffen,
28
Zum Hüter bestellt dem geheiligten Becken;
29
In glattem Panzer, in steinerner Rüstung,
30
Das Haupt mit dem Ritterschloß behelmt,
31
So ragt er steil und starr und senkrecht;
32
Und um die Brust ihm flüstern und schauern
33
Die Todeslüfte des schwindelnden Abgrunds.

34
Das Eiland doch mit dem schimmernden Kirchlein
35
Inmitten des blinkenden, flimmernden See's,
36
Das jüngste wohl ist's der Enkelkinder.
37
Es breiten die Wellen sich ihm zum Teppich
38
Wie blinkendes Linnen, wie flimmernde Seide,
39
Drauf kniet das Kindlein, die Hände gefaltet
40
Zu stillem Gebete in gläubiger Andacht;
41
Dann wieder erhebt es ein Singen und Klingen
42
Mit reiner silberner Glockenstimme.

43
Am Ufer liegen die Stätten der Menschen
44
Zerstreut wie sein fallen gelassenes Spielzeug,
45
Wie farbiger Tand nürnbergischen Schnitzwerks
46
Von Häusern und Hütten und zierlichen Villen.
47
O Thal der Zauber, voll Größe, voll Anmut,
48
Erhaben, wie in den Wolken der Donn'rer,
49
Liebreizend, wie die erblühende Jungfrau;
50
Das Menschenherz hat wiedergefunden
51
In dir sich selbst, sein Streben, sein Lieben;
52
Denn weil es zu Kleinerm sich niedergebeugt,
53
Und weil es zu Höherm empor sich schwingt,
54
Belebt es das All mit dem eigenen Sein.

55
Hier unter des Landmanns ärmlichem Strohdach,
56
Aus dem ich hinaus in die Landschaft blicke,
57
Hier lebt es und webt es, den Herzen näher,
58
Das heilige Band, mit welchem umschlungen
59
Mein Geist die gigantische, steinerne Sippe.
60
Hier sitzen in traulicher Tafelrunde
61
Der Ahn, die Söhne und Enkel versammelt,
62
Da fehlt auch nimmer der jüngere Krieger;
63
Hier kniet auch das betende Enkelkind,
64
Andächtig die kleinen Hände gefaltet,
65
Und spielt und klingelt und singt dazwischen
66
Und nennt mir das Wunder und löst mir das Räthsel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.