Ein Räthsel vom Czaren

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anastasius Grün: Ein Räthsel vom Czaren (1842)

1
Ein seltsam unerschöpflich Schatzkästlein
2
Besitzt der Czar; man nennt es sonst Ural;
3
Er faßt mit sichrer Hand und kluger Wahl
4
Was Jeden lockt, aus dem granitnen Schrein:
5
Platin' und Silber, Edelstein und Gold,
6
Denn guten Diensten frommt auch guter Sold.
7
Die Kette kann ein Kranz sein erzgegossen,
8
Der Kranz ein Kettenring aus Blüthensprossen;
9
Der Czar, indem er kränzt, weiß auch zu ketten,
10
Und Kreuze, Münzen, Tuladosen retten
11
Des Zaubrers Ehren und vor allen mächtig
12
Der magische Vasenbau aus Malachit!
13
Wie des Versuchers Worte gleißend tritt
14
Des Nordens Kunstwerk kalt und glatt und prächtig
15
Zum vielversuchten Kanzlergreis in Wien,
16
In Ludwigs Schloß, zum Schwager in Berlin,
17
Zur anmuthreichen Brittenmajestät.
18
Wer wüßte mit so guter Wahl zu schenken?
19
Dort prunkt das malachitne Angedenken
20
Ein Spiegel blank, drin euer Bild ihr seht;
21
So mildes Grün so zähem Stoff vereint,
22
Daß die Erinn'rung selbst verkörpert scheint;
23
Des Erzes Wucht zu schlanker Form beschwingt,
24
Wie schweres Leid zu leichtem Hauch sie bringt;
25
Der grüne Schmelz voll Adern, wie in hellen
26
Erinn'rungsbildern dunkle Schattenstellen. –
27
Daß von Bewunderung ihr ganz entflammt,
28
Werft eure Blicke nach den Arbeitstätten,
29
In Urals Schachte, draus das Kunstwerk stammt:
30
Seht, Künstlerhände schufen's, die in Ketten!
31
Des Kaukasus, der Stepp' und Polens Söhne
32
Begeistert Meister Czar dort für das Schöne.

33
Es hat der Wind, der Lüfte freier Sohn,
34
Der ungehemmt in Wäldern und Gehegen
35
Sich Laub und Blumen pflückt zu Kranz und Kron'
36
Und kindisch dann verstreut auf seinen Wegen,
37
Es hat der Wind in noch nicht fernen Tagen
38
Ein Zeitungsblatt nach dem Ural verschlagen,
39
Und der Gefangnen Einer hat's gefunden
40
Und liest's den Brüdern vor in Mußestunden:

41
»vernehmt ein Beispiel von des Czaren Güte!
42
Es lenkt ins Schloßportal am Newastrand
43
Ein Reisewagen mit dem Sechsgespann;
44
Heimführt der Czarewitsch – den Gott behüte! –
45
Die Braut, ein Fürstenkind aus deutschem Land.
46
Nun sie die Marmortreppen steigt hinan,
47
Beschleicht ihr Herz Weh der Verlassenheit,
48
Fremd Alles hier, die Heimat weit, so weit!
49
Erinn'rung hat das deutsche Blut beflogen
50
Der Lieben in der Heimat rückgelassen
51
Als durchs Spalier sie goldbetreßter Massen,
52
Feinschlitz'ger Augen, stumpfer Nasen zogen.
53
Beugt alle Rücken krumm die Last der Tressen?
54
Treuherz'ger Mienen denkt sie ihrer Hessen,
55
Joli's des Hündleins selbst! Hier wär's zur Stunde
56
Der treuste, doch nicht hündischste der Hunde.
57
Da naht der Czar. Er führt, galant wie immer,
58
Die Schwiegertochter in ihr Wohngemach.
59
Wie ward ihr da! Das ist dasselbe Zimmer,
60
Das sie im Elternhaus verlassen kaum!
61
Da fehlt kein Möbelstück, kein Bild, kein Fach!
62
Dieselbe Prachttapete schmückt den Raum,
63
Dieselben Bilder zieren rings die Wände,
64
Im Rahmen dort das Bildwerk ihrer Hände
65
Halb fertig erst, gestört vom Hochzeittraum;
66
Hier kunstgeschnitzt die Mahagonistelle,
67
Modernstem Götzendienst ein Hausaltar,
68
Noch stehn die Götzlein in altgoth'scher Zelle,
69
Die Rococofigürchen blank und niedlich,
70
In Eintracht noch von Porzellan das Paar
71
Chines' und Gattin, nickend unermüdlich;
72
Der Heimat Blumen dort in bunter Frische
73
Entgegenduftend ihr vom Blumentische,
74
Des Lieblingsdichters Liederbuch daneben,
75
Dort seine Büste in der grünen Nische
76
Von rankenden Kobä'n und Epheureben,
77
Ja Alles rings wie in der Heimat eben,
78
Das Silberglöcklein auf dem Tisch sogar!«
79
»ob hell sein Klang geblieben?« frug der Czar,
80
Und prüfend schellt jetzt der Prinzessin Hand,
81
Aufspringt die Thür, es stürzt herein die Schaar
82
Der alten Diener aus dem Hessenland,
83
Vom Marschall, der ihr dient' an Vaters Hofe,
84
Bis zu dem Musterbild der deutschen Zofe
85
Joli bellt wedelnd durch die Menge dringend,
86
Vor Lust empor an seiner Herrin springend.
87
Da hat ein süßes Weh ihr Herz bezwungen
88
Und Thränen sprechen, wo gelähmt die Zungen.« –

89
Der Leser schwieg. Da sprach ein Gramgefährte:
90
»wie fand solch Zartgefühl und jene Härte,
91
Die uns verdarb, in Einem Herzen Stätte?
92
Mit Milde hat Czar Nikolaj, ich wette,
93
Auch in die Schellen unsres Arms gelegt
94
Die Wunderkraft, die jenes Glöcklein trägt;
95
Laßt einmal proben uns den Klang der Kette!«
96
Sie rasseln mit den Ketten, – seltsam Läuten!
97
Doch, traun, es wirkt! Aus dunkler Dämm'rung schreiten
98
Hervor der Heimat Bilder wahr und licht,
99
Bekannte Städte, Thäler, Ströme, Straßen,
100
Manch süßer Blick, manch theures Angesicht,
101
Die Lieben all, die sie dort rückgelassen! – –
102
Trost der Gefangnen, milde Czarenspende!
103
Ihr Antlitz senken All' in ihre Hände,
104
Es hat ein herbes Weh ihr Herz bezwungen
105
Und Thränen sprechen, wo gelähmt die Zungen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.