Widmung

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Anastasius Grün: Widmung (1842)

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Der ich einst spazieren ging,
2
Raste nun in grünen Lauben;
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In dem wechselvollen Ring
4
Blieb mir Eines doch: mein Glauben!

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Glauben an die Sonnenkraft,
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Die im Menschengeiste lodert;
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Glauben an den Lenz in Haft,
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Der sein Recht des Freien fodert;

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Glauben an das Vaterland,
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An das große, deutsche, Eine,
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Ob auf ein gerißnes Band
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Heute noch manch Auge weine.

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Vor mir liegt, wie sonst, das Feld,
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Doch kein Halm ist mehr der alte;
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Andre Saat ist ihm bestellt,
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Daß es andre Ernten halte.

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Hier noch rauscht im Thal der Fluß,
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Noch derselb' und doch ein andrer,
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Der stets fliehn, stets bleiben muß,
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Jede Well' ein flücht'ger Wandrer!

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Von Granit der Alpen Wand
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Dort am Thalsaum, wie seit Jahren;
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Doch wie oft ihr Laubgewand
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Tauschten die Unwandelbaren!

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Ueber mir in festem Fug
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Die gewölbte Himmelshalle;
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Sternenzug und Wolkenflug,
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Wechseln all' und wandern alle!

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Ihr Gesetz übt die Natur
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Unerbittlich und gewaltsam;
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Durch mein Herz auch zieht die Spur
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Ew'gen Wandels unaufhaltsam.

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An dem Ast im Laubgewind'
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Ließ ich meine Harfe hängen;
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Dämm'rung wirds; der Abendwind
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Streift und weckt sie noch zu Klängen.

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Klang von Bechern, längst geleert,
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Fernen Donners harmlos Rollen,
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Klang der Zeit, die nimmer kehrt,
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Altes Lieben, altes Grollen.

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Wenn ihr Ton als Pfeil sich schwingt,
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Trifft er nimmer Ziel und Feinde;
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Wenn er mild wie Glocken klingt,
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Fehlt dem Rufe die Gemeinde.

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Dort und da vielleicht von fern
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Kommt ein Graukopf halbverdrossen;
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Einst, wie lauschten mir so gern
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Meines Morgenlieds Genossen!

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Nimmer hören sie den Ton,
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Das Gebraus der Lebenswogen;
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Haben Schlummerdecken schon
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Ueber Haupt und Brust gezogen.

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An den Dom zur Leidenszeit
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Mahnt in Wehmut mich dieß Wandern,
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Wenn sie Kerzen lichtgereiht
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Eine löschen nach der andern.

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Flackernd tropft die letzte ab,
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Wie von Thränenfall befeuchtet;
59
Ach, so löschte mir das Grab
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Die mein Leben einst umleuchtet. – –

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Doch sieh da, ein Lockenhaupt
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Naht zu lauschen meinen Saiten;
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Freundlich, wie ich kaum geglaubt,
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Nickt es Beifall gar zu Zeiten.

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Fühlt das Kind der neuen Zeit
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Heute noch, wie wir gesungen?
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Klingt der Alten Lust und Leid
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Tönend fort durch's Herz der Jungen?

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Jetzt entlockt des Frühlings Sohn
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Selbst den Saiten neue Lieder;
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Fremd nicht klingt's; bekannter Ton
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Weckt den eignen Lenz mir wieder.

73
Neue Fluth im alten Strom,
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Neue Saat auf altem Grunde,
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Neu Gestirn am Himmelsdom,
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Neues Grün dem Alpenrunde!

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Unauslöschbar quillt das Licht,
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Ob die Kerzen auch zerbrochen;
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Wort der Wahrheit modert nicht
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Gleich den Lippen, die's gesprochen.

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Der durchs Weltall bebt, der Hauch,
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Muß die Aeolsharfen finden;
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In den flieh'nden Klängen auch
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Tönt unsterbliches Empfinden.

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Wechsle was da ist und war,
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Eins blieb ewig ohne Wanken;
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Aufrecht steht noch mein Altar,
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Nur umblüht von andern Ranken.

89
Schon im Alten blüht das Neu,
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Und im Neu'n fortlebt das Alte:
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Jung verbleibt ein Herz, das treu
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Jener Glut, die nie erkalte.

93
Was da strebt, blüht und gedeiht,
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Spiegle klar und treu mein Auge,
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Das die junge, neue Zeit
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Voll und freudig in sich sauge.

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Dieses Bild, noch halt' ich's fest
98
Mit den frischen Farben allen,
99
Wenn die müde Wimper läßt
100
Drüber ihren Vorhang fallen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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