Von einer Zwiebel

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Anastasius Grün: Von einer Zwiebel (1842)

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Harlems glückseligster Bürger ist
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Van Hoek, der göttliche Blumist.
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Dort steht er, die Zwiebel in der Hand,
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O seht, wie sein Aug' in Wonne schwand!
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Nicht hat er vor Jahren die schmucke Braut
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So zärtlich, so sorglich angeschaut!
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Scharf bläs't der Wind von den Dünen.

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»o
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O Wonne, wenn dein Incognito birst,
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Du aufsteigst in deiner Herrlichkeit,
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Im Silberbrokat, im Scharlachkleid,
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Im Goldturban, dran der Reiher sprießt,
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Dein Haupt in Anmut königlich grüßt
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Im Lächeln der Frühlingssonne!

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Um dich beut der Britte tausend Mark,
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Und böt' auch der Doge die goldene Bark',
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Vom Dogen zum Sultan, zum Mogul umher
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Ihr findet den
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O Glück! Mir liegt's in der Hand, was ihr sucht
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Von Peking bis wo in Harlems Bucht
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Der Wind scharf bläs't von den Dünen.

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O Blumenmonarch, dein Vasall bin ich!
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Dein erster Gnadenblick fällt auf mich!
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Und künd' ich, dein Herold, der Huldigung Zeit,
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Nahn Alle verneigt, wie zaubergefeit;
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Ach, noch ist's nicht Zeit, doch Geduld, Geduld,
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Bald schimmert der Tag voll Glanz und Huld
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Im Lächeln der Frühlingssonne!«

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Er bettet die Zwiebel ans Fenster so lind,
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Als wär's ihm ein lieb, ein kränkelnd Kind,
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Er faßt sie so zart, so ehrfurchtsscheu,
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Als ob's der Prinz von Oranje sei.
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Nun muß er fort zum Hafen in Hast,
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Ein Blick noch, dann Pelz und Muff erfaßt!
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Scharf bläs't der Wind von den Dünen. –

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»van Hoek nicht daheim?« ein Seemann fragt,
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»doch kehrt er bald,« antwortet die Magd,
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»weißbrods ein Stück, ein Kännlein Bier
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Verkürze Mynherrn das Warten hier.«
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Er denkt: Das kommt zur rechten Zeit,
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Solch Trank erwärmt trotz wollenem Kleid
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Scharf bläs't der Wind von den Dünen.

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Nur Eins fehlt, Preis dem Seemannssinn,
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Du Zwiebel, duftende Negerin,
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Braunhäutige, wie die Hindumaid,
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Durchsichtige, wie des Kaffern Kleid!
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Zu Thränen zwingst du mein alt Gesicht,
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Als säh's noch der Liebsten ins Augenlicht
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Beim Lächeln der Frühlingssonne.

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Hoiho, da liegst du am Fensterrand,
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Verlassen, wie Seemanns Wittwe am Strand!
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Willkommen, du Holde, dein Herzblut her!
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Da gibt's keinen
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Verschlungen! Doch flau des Mörders Blick,
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Der erst noch gejubelt, geleuchtet vor Glück
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Wie Lächeln der Frühlingssonne.

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»ade, du Magd, grüß' deinen Herrn,
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Den wackern Mann, der Blumisten Stern,
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Doch Zwiebelzucht versteht er kaum,
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Gewächs ist das für Mädchengaum;
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Kein scharfer Duft, der das Auge beizt
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Und Seemanns Herz und Zunge reizt,
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Weht scharf der Wind von den Dünen.«

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Van Hoek seither den Schlaf nicht kannt',
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Ein Geist allnächtlich am Bett ihm stand,
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Aufsteigend in fürstlicher Herrlichkeit,
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Im Silberbrokat, im Scharlachkleid,
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Im Goldturban, dran der Reiher sprießt,
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Sein Haupt in Anmut königlich grüßt
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Wie Lächeln der Frühlingssonne.

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Euch, Kinder der Sonne, o Tulpen ihr,
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Euch sang ich dieß Lied im Lenzrevier,
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Wie Ahnenlieder man Kindern singt
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Und That und Gefahr der Vorzeit jüngt.
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Der Ries' ist todt, der die Kindlein frißt,
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Drum fürchtet euch nicht und gaukelt und sprießt
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Im Lächeln der Frühlingssonne.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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