Schweigend durch der Straßen Leere

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Anastasius Grün: Schweigend durch der Straßen Leere Titel entspricht 1. Vers(1842)

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Schweigend durch der Straßen Leere
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Zog Fürst Sobieski ein,
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Der zerstäubt der Türken Heere,
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Treues Wien, dich zu befrei'n!

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Schweigend Polens Edle zogen,
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Hoch zu Roß um ihren Herrn,
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Wie ein farb'ger Regenbogen
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Um den hellen Abendstern.

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Trüber Sieg voll Bruderleichen!
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Perle, deren Taucher sank!
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Erntefest nach Hagelstreichen,
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Ohne Lied und Tanz und Schwank!

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Schweigend reiten die Genossen:
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Nur den Winkeln eines Munds
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Will schon Lust und Scherz entsprossen,
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Frühe Blumen üpp'gen Grunds!

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Lubomirski war der Reiter,
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Dessen Auge nie geweint,
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Immer wolkenlos und heiter,
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Wie die Sonn' im Süden scheint.

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Jeden Schmerz konnt' er verscheuchen
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Durch ein lustig Zauberwort,
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Wie das bleiche Haupt der Leichen
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Man mit frischem Kranz umflort.

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Jedem Unheil konnt' er wehren,
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Froher Sinn es sanft bezwang,
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Wie zum Tanz den Grimm des Bären
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Wandelt der Masurka Klang.

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Er begrüßt die wohlbekannten
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Straßen rings, die Hochschul' dort,
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Der ihn einst die Eltern sandten
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Als der Weisheit sichrem Port.

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Und er ward ihr treu'ster Jünger,
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Doch, wie's eben kommen mag,
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Auch des Tanzsaals bester Springer,
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Erster Zecher beim Gelag.

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Aber jetzt rings Trümmermassen,
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Schutt und Asche, blutbenetzt,
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Blickend über Plätz' und Straßen
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Spricht der Polenjüngling jetzt:

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»schönes Wien, wie arg zerschossen!
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Fast zu kennen bist du nicht,
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Wie wenn Pockengift durchsprossen
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Eines Bräutchens hold Gesicht.

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Leer an Gästen deine Schenken,
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Frohsinns Tempel schön'rer Zeit!
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Ungestört in leeren Bänken
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Lehnt jetzt Göttin Einsamkeit.

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Statt des feurig goldnen Nasses
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Mild erwärmend Herz und Leib,
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Quillt aus dem Versteck des Fasses
52
Jetzt der Wirth mit Kind und Weib.

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Weinlaubkranz! An leere Fässer
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Sei kein Durstiger geneckt!
55
Zierst mein junges Haupt viel besser,
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Das manch lust'gen Gast dir heckt!

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Fiedler, Pfeifer, Lautenträger,
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Laßt ihr ohne Klang uns ziehn?
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Zitherspieler, Hackbrettschläger,
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Lustig Volk, wo seid ihr hin?

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Manches Stücklein auf den Schanzen
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Aufzuspielen frisch es galt!
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Drum, käm' heut uns Lust zu tanzen,
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Fehlt' uns manch ein Spielmann bald.

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Wo ein Musikant begraben,
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Strauchelt jeder Fuß im Troß;
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Wirft nur drob nicht in den Graben
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Sprüchwortskundig mich mein Roß!

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Göttlich war's, zu schwärmen nächtlich
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Diese Straßen aus und ein,
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Sich halb taumelnd, halb bedächtlich
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Vollern Lebensquells zu freun!

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Wer mag jetzt bei Nacht durchwallen
74
Dieses Friedhofs Schutt und Stein,
75
Arm und Bein sich dran zerfallen
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Und die Nase rennen ein?

77
Hohe Schule, deine Hallen
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Sind gesperrt, verrammelt gar,
79
Thatest nie mir den Gefallen
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Sonst, als eben recht mir's war!

81
Nehmt, ihr grasbewachs'nen Thüren
82
Oeden Säle, meinen Gruß!
83
Wo Karthaunen laut dociren,
84
Wohl die Weisheit schweigen muß.

85
Musensöhne, statt zu plagen
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Euch da drinnen mit Latein,
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Habt ihr euch gut deutsch geschlagen
88
Draußen auf dem Wall im Frei'n!

89
Dort zum vierten Stockwerk lange,
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Doch umsonst mein Auge blickt,
91
Ob, wie einst, vom Fensterhange
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Lieblich nicht mein Röslein nickt?

93
Steil zu klimmen war's zur Rose,
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Blühte etwas hoch, fürwahr!
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Ei, es war die schöne, lose
96
Wohl ein Alpenröslein gar!

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Mußt' ihr zart Gesicht erblassen?
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Schmückt sie eine andre Au?
99
War der Sturm, der diese Straßen
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Durchgefegt, ihr nicht zu rauh?

101
Schönes Wien, leg' ab die Trauer,
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Nicht zum Weinen taugt dein Blick!
103
Trag' auf deine Trümmermauer
104
Das Panier der Lust zurück!

105
Sangvoll wiegend im Behagen
106
Ueber dir im Sonnenschein
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Will ich nach so trüben Tagen
108
Deine erste Lerche sein!

109
Deines blätterlosen Haines
110
Erstes Zweiglein, grün und hell,
111
Deines Schutt- und Felsgesteines
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Erster, freud'ger Springequell!«

113
Also sprachst du, heitrer Pole;
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Längst vermodert ist dein Herz,
115
Längst schon hob aus Schutt und Kohle
116
Wien das Antlitz sternenwärts.

117
Sieh, voll Rosen auf und nieder
118
Jeglich Stockwerk jetzt und Haus!
119
Denn die Rosen und die Lieder,
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Heißt es, gehn in Wien nie aus.

121
Straßen blinkend voll Paläste,
122
Keller voll von süßem Wein,
123
Schenken voll Musik und Gäste!
124
Darfst um uns besorgt nicht sein.

125
Doch zur Ferne sieh, nach deinem
126
Armen, schönen Vaterland,
127
Und du lernst im Grab das Weinen,
128
Das du lebend nie gekannt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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