Der Vorhang rauscht und fliegt empor

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Anastasius Grün: Der Vorhang rauscht und fliegt empor Titel entspricht 1. Vers(1842)

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Der Vorhang rauscht und fliegt empor,
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Ein alter Gaukler tritt hervor,
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Mit Flitter sattsam ausstaffirt,
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Sein ehrlich Antlitz roth beschmiert.

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Du alter Mann mit dem weißen Haar,
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Wie dauerst du mich im Herzen gar,
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Der du vorm Grabe gaukelnd springst,
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Damit du vom Pöbel ein Lächeln erzwingst!

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Ein Lächeln über ein greises Haar
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Und über die nahe Todtenbahr'!
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Dieß eines Lebens höchster Preis!
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Des deinen, armer, armer Greis!

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Des Greises Hirn ist schwach und alt,
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Der Liebsten selbst vergißt er bald;
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Du aber zwängst mit Müh' und Pein
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Noch eitlen Floskelkram hinein.

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Des Greises Arm ist abgespannt,
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Man sieht nur noch die müde Hand
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Zum Segen für Kind und Enkel erhöht
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Und fromm gefaltet zum Gebet.

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Doch deine Hand schlägt fort und fort
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Den tollen Takt zu wüstem Wort,
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Und all' die Mühe, armer Mann,
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Damit der Pöbel lachen kann.

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Und schmerzt dich auch dein morsch Gebein,
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Ei was, 's ist längst ja nimmer dein!
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Du magst wohl weinen, alter Mann,
28
Wenn nur die Menge lachen kann!

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Der Greis sich in den Lehnstuhl setzt,
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Ei, wie das seine Glieder letzt!
31
»der macht sich's auch bequem, fürwahr!«
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So murmelt's spöttisch durch die Schaar.

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Mit leisem abgebrochnen Ton
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Beginnt er mühsam seinen Sermon.
35
»der hält nun auch kein Schlagwort mehr!«
36
So zürnt es strafend ringsumher.

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Der Greis lallt nur manch tonlos Wort,
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Die Stimme bebt, es will nicht fort;
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Noch ist sein Spruch nicht ganz heraus
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Da schweigt er, als ging sein Athem aus.

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Das Glöcklein schellt, der Vorhang sinkt,
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Wer ahnt's, daß ein Todtenglöcklein klingt?
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Die Menge trommelt und pfeift dabei,
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Wer ahnt's daß ein Leichenlied dieß sei?

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Der Alte lehnt im Stuhle todt,
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Doch Leben heuchelt der Schminke Roth,
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Die auf dem Antlitz blaß und kalt,
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Wie eine große Lüge, prahlt.

49
Sie blieb auf des Alten Angesicht,
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Wie eine Grabschrift, die da spricht,
51
Daß Alles Lug und Trug und Dunst,
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Sein Leben, Treiben, seine Kunst!

53
Sein Wald, gemalt auf Leinwand grün,
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Rauscht über sein Grab nicht klagend hin!
55
Es ist sein ölgetränkter Mond
56
Um Todte zu weinen nicht gewohnt.

57
Die Kunstgenossen umstehn den Greis,
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Und Einer spricht zu seinem Preis:
59
»heil ihm, denn, traun, ein Held ist der,
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Der auf dem Schlachtfeld fiel, wie er!«

61
Ein Gauklerdirnlein als Muse gar
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Legt dann dem Greis ins Silberhaar
63
Den grünpapiernen Lorbeerkranz,
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Vom vielen Gebrauch zerknittert ganz.

65
Zwei Männer sind sein Leichenzug,
66
Die sind, den Sarg zu tragen, genug;
67
Und als sie ihn zu Grabe gebracht,
68
Hat Niemand geweint und Niemand gelacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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