Im Gartenplan vor der Schenke

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anastasius Grün: Im Gartenplan vor der Schenke Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Im Gartenplan vor der Schenke
2
Sitzt der alte Invalid,
3
Erzählt von Schlachten und Siegen
4
Und singt manch flammend Lied.

5
Des Dorfes blühende Jugend
6
Umlagert ihn rings im Gras,
7
Die rosigen Mädchen füllen
8
Gar fleißig ihm das Glas.

9
Ein Kindlein auf seinem Schooße
10
Spielt ihm in Bart und Haar;
11
Mit seinem Stock und Säbel
12
Steht Wacht ein Knabenpaar.

13
Des Dorfes Schulmagister,
14
Der Kinder grimmer Tyrann,
15
Sein alter Spielkamerade,
16
Sitzt neben dem Krückenmann.

17
Jetzt streift der Invalide
18
Den einen Aermel hinauf:
19
»nun will ich euch was erzählen,
20
Nun, Kinder, horchet auf!«

21
Und näher rückt dem Greise
22
Aufhorchend der Knaben Schwarm:
23
Weh, was für böse Schnörkel
24
Trägt eingebrannt dein Arm?

25
»ich will die Zeichen euch lösen,
26
Schlimm sind die Züge nicht!
27
Denn wer sie versteht, dem deuten
28
Sie die halbe Weltgeschicht'!

29
Am blühenden Strand der Loire
30
Wuchs ich zum Jüngling heran,
31
Da lächelte wie ein Bräutchen
32
Holdselig das Glück mich an.

33
Am blühenden Strand der Loire
34
Ward ein herrliches Mädchen mein;
35
Da schnitt in den Arm dieß
36
Und unsere Namen ich ein.

37
Da schien zu Paris der König
38
Mir gegen mich nur ein Wicht;
39
Zwar kannt' ich nur aus den Münzen
40
Sein gutes, rundes Gesicht.

41
Oft fragt' ich, warum auf den blanken
42
Sein Kopf allein wohl steht?
43
Wie hätt' ich's damals errathen,
44
Daß ich nun gar ein Prophet!

45
Einst klang's und flammt' es im Thale
46
Von Feldruf und Waffenschein,
47
Und jubelnde Schaaren brachen
48
Halbnackt und wild herein.

49
Sie schwangen blutrothe Mützen
50
Auf hohen Lanzen empor,
51
Sie jauchzten: Freiheit, Gleichheit!
52
In vollem rauhen Chor.

53
Der Klang thät mir gefallen,
54
Ich trat in ihre Reihn,
55
Sie brannten die flammende
56
Als Bundeszeichen mir ein.

57
Einst trat vor unsre Schaaren
58
Ein Mann gar ernst und bleich;
59
Er frug nicht, ob wir gehorchten?
60
Er gebot, wir folgten sogleich!

61
Er hielt einen stolzen Adler
62
In seiner kräftigen Hand,
63
Er rief mit donnernder Stimme:
64
Für Ruhm und Vaterland!

65
Sein Ruf thät uns gefallen,
66
Wir folgten mit Jubelgeschrei:
67
Oft mocht' uns dünken, als ob er
68
Wohl selbst der Adler sei.

69
Der Aar that gute Flüge,
70
Er hielt nur kurze Rast
71
Auf Afrika's Pyramiden,
72
Auf Moskau's Czarenpalast;

73
Zu Wien auf dem Stephansthurme,
74
Auf dem Vatikan zu Rom;
75
Am liebsten von Notre Dame
76
Sah er auf der Völker Strom.

77
Bei Mörserklang und Feldruf
78
Und Siegesflammenschein
79
Brannt' auf den Arm den
80
Mit glühendem Stahl ich ein.

81
Der Aar that gute Flüge,
82
Zuletzt entschwand er dem Blick,
83
Und ach, wir sahn ihn nimmer,
84
Und nimmer kam er zurück!

85
Drauf drängten uns fremde Schaaren,
86
Sie strömten Hord' auf Hord',
87
Ei, alte Bekannte aus Feldern
88
Von Süd und Ost und Nord!

89
Sie riefen: Frieden, Frieden!
90
So riefen seit Jahren sie schon,
91
Doch wie sie sonst es riefen,
92
Klang's einen ganz andern Ton.

93
Rechtmäßigkeit und Frieden!
94
So riefen sie All' im Verein,
95
Und brannten die Städte uns nieder
96
Und stampften die Saaten uns ein.

97
Sie schleuderten Friedenspalmen
98
Mit blutigen Schwertern empor,
99
Und krachende Kanonen
100
Spien weiße Lilien hervor!

101
Solch eine glühende Blume
102
Fiel auf den Arm auch mir,
103
Und eingebrannt blieb seither
104
Das Zeichen der

105
So trag' ich auf meinem Arme
106
Die halbe Weltgeschicht';
107
Herz, Mütze, Adler und Lilie,
108
Die geben mir treuen Bericht!

109
Die Mütze ist längst zerrissen,
110
Der Aar flog ins Sonnenlicht,
111
Einst welken auch die Lilien,
112
So wie dieß Herz einst bricht.

113
Ich setze meinen König
114
Zu meinem Erben ein,
115
Und dieser Arm mit den Schnörkeln,
116
Der soll sein Erbstück sein.

117
In ein vergüldetes Kästlein
118
Leg' er den Arm sodann,
119
Wie jener alte König
120
Mit den Liedern Homers gethan.

121
Der las des Tages mind'stens
122
Ein Verslein, einen Spruch;
123
So lese mein König fleißig
124
In meinem Historienbuch.

125
Nun, Pädagog, was sagt ihr
126
Zu meiner Weltgeschicht'?«
127
Der meint:
128
Wär' sie so übel nicht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.