Das Wiegenfest zu Gent

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Anastasius Grün: Das Wiegenfest zu Gent (1842)

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Es steht eine goldene Wiege
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Am Fuß des Herrscherthrons,
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Der Fürst beschaut sich die Züge
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Des neugebornen Sohns.

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Rings an des Thrones Wänden,
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Den Mund an Wünschen reich,
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Stehn, nicht mit leeren Händen,
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Die Großen in dem Reich.

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Frau Margareth' die Holde
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Bracht' ihr Geschenk nun dar:
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Ein Kindlein war's von Golde
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Gar künstlich, wunderbar.

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Es ruht in des Kindes Händen
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Von klarem Kristalle fein
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Ein Kelch voll schimmernder Spenden
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An Perlen und Edelstein.

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Und als mit ihrer Gabe
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Sie trat zum Wieglein vor,
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Da sah wohl auch der Knabe
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Die erste Rose in Flor.

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Sie sprach: »O wahre immer
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Den Kindersinn so rein,
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Der Erdengüter Schimmer
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Bleibt dir dein Spiel und Schein!«

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Drauf trat der Wieg' entgegen
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Von Bergen der Dynast,
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Er bracht' einen güldnen Degen,
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Drein manch Juwel gefaßt;

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Auch eine Schärpe von Seide,
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Darauf ein Phönix von Gold;
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Zu all' dem goldnen Geschmeide
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Noch eine Lehre von Gold:

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»sei stark! Dich schützend schwing
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Die Kraft ihr Schwert von Erz!
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Sei mild! Die Milde umschlinge
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Als weiches Band dein Herz!«

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Dann trug zwei Himmelsgloben
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Der Astronom herein,
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Drauf Sonn' und Gestirn erhoben
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Aus Schmelz und buntem Gestein:

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»nach oben schaue gerne,
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Blick' oft zum Licht empor,
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Dann nehmen wohl auch die Sterne
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Dich auf in ihren Chor!«

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Es kam ein Prälat gegangen,
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Der eine Bibel trug
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Mit diamantnen Spangen
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Und goldnem Deckel und Bug:

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»willst du in Schlummer dich neigen,
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Das süßeste Kissen ist hie!
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Willst in den Himmel du steigen,
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Die beste Staffel ist die!«

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Stadt Gent, die sandt' als Spende
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Ein Schiff von selt'nem Bau,
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Von Silber waren die Wände,
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Die Masten, Segel und Tau'.

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Und auf der silbernen Flagge,
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Da stand in Gold dieß Wort:
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»vertraue, hoffe, wage,
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Dann steuert dich Glück zum Port!«

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Drauf nahte Heinz von Yssel,
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Das war des Herzogs Narr,
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Der bracht' auf großer Schüssel
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Einen kleinen Kirschkern dar:

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»ein Samenkern in der Erden,
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Dir, Wiegenkind, ist er gleich!
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Aus beiden kann noch was werden,
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Die Keime ruhn in euch.

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Ich will in die Erd' ihn bauen,
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Zum Denkmal dir geweiht!
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Einst magst du kommen und schauen,
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Wer besser von euch gedeiht?

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Und wird er dir Frucht einst reichen,
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O Knäblein, werfe nicht
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Dann mir und meinesgleichen
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Die Kerne ins Gesicht!«

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Er pflanzt' im Garten daneben
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Den Kern gar sorgsam ein;
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Das freilich konnt' er nicht geben,
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Was ihm noch fehlt zum Gedeihn:

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Der Erde warmen Segen,
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Thauperlen spät und früh,
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Und Sonnenschein und Regen!
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Die kamen, man weiß nicht wie?

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Noch spendeten viel die Gäste,
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Längst schlief das Kind schon ein;
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Jedoch der Gaben beste
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Die konnten sie ihm nicht weihn:

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Dem Herzen Lieb' und Treue
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Und Kraft für manche Last,
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Dem Geiste Licht und Weihe,
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Wohl kamen im Schlaf sie fast!

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Der Keim schoß auf zum Baume,
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Geschmückt mit Laub und Frucht,
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In dessen schattigem Raume
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Sich Schirm der Waller sucht.

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Das Kind, das die Wiege hüllte,
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Ein Mann ward's, Fürst und Held,
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Der fünfte Karl erfüllte
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Mit seinem Namen die Welt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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