Ihr Kinder, laßt mir verschont

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Anastasius Grün: Ihr Kinder, laßt mir verschont Titel entspricht 1. Vers(1842)

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Ihr Kinder, laßt mir verschont
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Zaunkönigs Nest und Zelle,
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Denn wo ein Edler wohnt,
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Ist eine heilige Stelle.

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Wenn traulich der flammende Herd
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Euch Zünglein belebt und Gedanken
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Euch wärmt im Frost und euch nährt,
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Dem Vöglein nur sollt ihr's danken.

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In dunkler kalter Zeit,
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Als uns des Feuers Gabe
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Die Götter noch bargen mit Neid,
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Wie Ueberreiche ihr Habe;

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Da in dem Vöglein klein
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Erwuchs ein großer Gedanke,
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Es flog in den Himmel hinein,
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Durchbrechend die Wolkenschranke.

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Dem Jovisadler, der schlief,
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Riß es den Brand aus den Krallen;
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Und ob er's auch sengte tief,
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Die Beute ließ es nicht fallen.

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Und wie ein stürzender Stern
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Fiel's erdenwärts mit den Schätzen;
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Da eilten von nah und fern
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Die Brüder, den Wunden zu letzen.

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Die eigenen Federn leiht
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Ihm jeder, die Blößen zu decken;
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Drum ist auch sein braunes Kleid
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Ein Bettlermantel voll Flecken.

29
Rothkehlchen voran! Doch vom Brand
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Ist selbst versengt es worden;
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So trägt's noch das rothe Band
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Am Busen als Ehrenorden.

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Nur Kukuk, der Gauch, gab nichts
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Als eine gute Lehre:
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»hast du nur die Größe des Wichts,
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Mit Göttergluth nicht verkehre!«

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Zaunkönig rächte sich auch,
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Wie nur es Edlen gelungen:
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Er brütet die Jungen dem Gauch
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Zugleich mit den eigenen Jungen.

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Es wurde die ganze Schaar
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Zu Aerzten im Heilungsdrange
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Grasmücke mit dem Trokar,
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Krummschnabel kam mit der Zange.

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Die Meise wetzt und weist
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Blutdürstig ihr Lanzettchen,
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Als Wunderpflaster preist
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Der Specht ein würzig Blättchen;

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Es füllt in der Quelle klar
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Das Spritzlein die Bekassine,
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Kernbeißer macht sogar
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Zum Amputiren schon Miene.

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Die Elster aber entbrennt,
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Grauschwesteramt zu verrichten,
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Sie zupft Charpie und kennt
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Hausmittel und Stadtgeschichten.

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Zaunkönig mild abwehrt
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Die Sorgen, die sie ihm weihen:
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»wen himmlisch Feuer versehrt,
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Den heilen nicht ird'sche Arz'neien.«

61
Ihr schönstes Gefieder flicht
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Die Schaar ihm zur lieblichen Krone,
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Sein Haupt beschattet sie dicht
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Dem kühnen Flug zum Lohne.

65
Wohlthäter der Welt, versteckt
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Er tief sich im Dunkel der Hage,
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Allein, beschämt und erschreckt,
68
Daß eine Kron' er trage.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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