Wie er im raschen Flug

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Anastasius Grün: Wie er im raschen Flug Titel entspricht 1. Vers(1842)

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Wie er im raschen Flug
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Hin durch die Wolken schiffte,
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Stumm durch den zwitschernden Zug,
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Der Ahasver der Lüfte.

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Stumm wie ein irrer Komet
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Mit glänzendem Leibeskerne,
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Die sprühende Schleppe weht
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Ihm nach weithin in die Ferne.

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Der Tod ihn nimmer ruft,
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Noch sah kein Aug' ihn modern;
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Vielleicht daß er mag in Duft,
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Wie sterbende Sterne verlodern?

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Ihn lockt nicht die blühende Au,
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Um Nahrung herabzuwallen,
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Aus Wolken pflückt er den Thau
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Im Flug, wie Blumen im Fallen.

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Und weil sie sein Nest im Wald,
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Sein Grab nicht sahn auf der Wiese,
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Drum hieß er dem Volk alsbald
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Der Vogel vom Paradiese.

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Die Sage aber erzählt:
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Als Nachtigall einst geboren,
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Von Rosenliebe beseelt,
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War er zum Gesang erkoren.

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Er sang, daß starres Erz
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Selbst Blüthentrieb verspürte;
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O daß er des Lenzes Herz,
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Des flücht'gen, zum Bleiben rührte!

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Fortzog der Lenz durch das All'
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Mit Rosen, Liedern und Scherzen,
31
Da ahnte die Nachtigall
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Den Tod vom gebrochenen Herzen.

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Sie fleht in der Seele Pein:
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»herr, heb' empor mich von hinnen!
35
Laß mich bei dir allein,
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Dem Unvergänglichen, minnen!«

37
Da ging aus des Herren Hand
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Als Adler sie neugeboren,
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Von Sonnenlieb' entbrannt,
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Zum Himmelsflug erkoren.

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Da flog zum Quell des Lichts
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Fort, fort durch Wolken und Sterne,
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Schon schwand ihm die Erd' in Nichts,
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Die Sonne doch blieb gleich ferne!

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Sein Aug' von Kristall schon brach,
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Schon schmolz ihm die eherne Schwinge;
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Im Niedersinken doch sprach
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Er so zum Herrn der Dinge:

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»darf nicht bei dir ich im Licht,
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Dem Unvergänglichen, wohnen,
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O schleudre zurück mich nicht
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Zu niedern Erdenzonen!«

53
Da bannt' ihn der Herr im Flug
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Und schuf ihn, wie dort er schiffte
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Stumm durch den zwitschernden Zug,
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Der Ahasver der Lüfte.

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Nicht erdwärts schwebt er, daß nicht
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Befleckt sein rein Gefieder,
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Nicht sonnenwärts zum Licht,
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Vorm Ziele sänk er ja wieder.

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Sein Herz nicht überfließt's
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Von Flammen des Liederdranges;
63
Was oben, unsingbar ist's,
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Was unten, nicht werth des Gesanges!

65
Ein Stern des Himmels, erglüht
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Er hell den Irdischen hüben;
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Eine Blume der Erde, blüht
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Er bunt den Geistern drüben.

69
Und wenn er vorbei euch zieht,
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Stumm durch den singenden Reigen,
71
Verstandet ihr einst nicht sein Lied,
72
Lernt jetzt verstehn sein Schweigen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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