Dahin ist längst der schöne Traum Deutschlands, des einen, ganzen

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Anastasius Grün: Dahin ist längst der schöne Traum Deutschlands, des einen, ganzen Titel entspricht 1. Vers(1842)

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Dahin ist längst der schöne Traum Deutschlands, des einen, ganzen,
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Wir sehn des Kaiseradlers Flaum zersetzt im Winde tanzen,
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Seit Deutschlands Zepter barst, und sie um des Reichsapfels Schnitten
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Wie hungernd Bettelvolk und wie genäsch'ge Knaben stritten.

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Das ist dahin! Doch hat die Zeit der Wirrung nicht vernichtet
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Germania's Geist; der hat ins Herz der Edlen sich geflüchtet,
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– Wie Karol's Ring der Treue tief versenkt im See von Aachen, –
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Drin träumt er nun Vergangenheit und ahnt ein schön Erwachen.

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Da schlief er zwar, doch traun, er lebt! er weiß, daß ihn zu schützen
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Des Busens Bollwerk nicht erbebt, des Worts Karthaunen blitzen,
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Daß

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Da wußten sie, es sitz' ein Mann in Göttingen, der stiere
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In alten Pergamentenwust, in gothisches Geschmiere;
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Er dauert sie, daß Urweltstaub ihm so die Lungen beize,
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Und die verblaßte Ahnenschrift die Augen überreize.

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Sie ahnten nicht, daß an dem Tag der Prüfung und Gefahren
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Der bleichen Lettern Schwarm um ihn als Mannenvolk in Schaaren,
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Ein Heer, gepanzert, kerngesund vom Scheitel bis zur Zehe,
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Jahrhundertstaub sich schüttelnd von den Sohlen, einst erstehe!

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Sie ahnten nicht, vergilbt Papier werd' in der Hand des Treuen
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Urkunde deutscher Ehre, sich so blank und rein erneuen,
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Ein Dokument mit goldner Schrift und marmorschweren Blättern,
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Kein Spiel des Winds, der Albions Prachtflotten mag zerschmettern!

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Sie ahnten nicht, daß einst ein Paar von kleinen Menschenlippen,
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– Befugt nur von den Herrn der Welt zu Kuß und Humpennippen,
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Und etwa noch zum Meineidspiel, – ein Wort aussprechen möge,
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Das dröhnend, nachgehallt vom Belt bis an die Alpen flöge!

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O Preis und Ruhm der Wissenschaft! Es gibt der sonst so armen
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Der Thron selbst heut als Ehrenwacht Dragoner und Gendarmen!
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Fürwahr, wo solche Männer fortverbannt, landflüchtig reisen,
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Müßt strafend ihr nicht

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Du aber, Mann der Treu' und Ehr', den wir so herrlich tragen
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Das Banner deutschen Wortes sahn, du weißt aus alten Sagen:
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Wenn wo ein Heer feldflüchtig ist, versprengt auf irren Wegen,
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Ruht auf der letzten Fahne noch ein zaubervoller Segen;

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Und wer sie trägt, deß Haupt wird sie als Baldachin umwiegen,
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Ein Ehrenmantel wird sie stolz um seine Schultern fliegen,
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Sie wird, thut's Noth, ihn schützend auch als goldne Wolk' umschweben,
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Und ihn, verschleiert all in Glanz, unwürd'gem Volk entheben.

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Getrost! Noch steht die schönste Burg, der deutschen Sprache Veste:
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O daß sie, deine Wartburg, dich bewirth' und schirm' aufs Beste!
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Du rufst von ihren Zinnen dann – wer bricht
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»ob Alles auch verloren sei, ist's doch die Ehre nimmer!«

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Beklagen lernt' ich heut es erst, daß meine Jugend ferne!
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Zu Göttingen, der guten Stadt, wär' ich Studiosus gerne,
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Vor deinem Haus ein Ständchen dir Guitarrenklangs zu schüttern
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Daß nicht die Scheiben nur davon, auch Herzen sollten zittern;

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Daß bis Hannover hin der Sang sich schwänge wundertönig
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Ans Ohr des Herzogs Cumberland, der jetzt Hannovers König;
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Versteht er auch des Deutschen Lied von deutscher Ehre schwerlich,
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Wird sich wohl Einer finden dort, ihm's zu verwälschen ehrlich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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