Ich höre Lieder, ehrenwerthe, klagen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anastasius Grün: Ich höre Lieder, ehrenwerthe, klagen Titel entspricht 1. Vers(1842)

1
Ich höre Lieder, ehrenwerthe, klagen,
2
Seh' edle Angesichter sich verschleiern,
3
Prophetisch trauernd, daß in unsern Tagen
4
Der Prosa Weltreich seinen Sieg will feiern;

5
Daß Poesie, entsetzt, nun fliehen werde,
6
Auf schnurgerader Eisenbahn entjagen,
7
Entführt auf Dampffregatten unsrer Erde,
8
Auf Dampfkarossen ferne fortgetragen!

9
Ei, wart ihr denn so hold den krummen Wegen,
10
Daß ihr so sehr die graden scheuen könnet?
11
Und ist euch's Poesie, auf Holperstegen
12
Zu kriechen, wenn zu fliegen euch vergönnet?

13
So macht euch auf, wohlan, auf alten Gleisen
14
Der Poesie, der flücht'gen, nachzujagen,
15
Und knebelt mit Gebiß und Strang und Eisen
16
Das Roß, das edle freie, vor den Wagen!

17
Die Haid' entlang! Laßt eures Leibs Gebeine
18
Des Auferstehungstages Rütteln ahnen,
19
Der Rosse Schnauben, Peitschenknall und Steine
20
Im Staubgewölk euch der Verlornen mahnen!

21
Springt dort ins Boot, laßt rudern eure Rechte!
22
In saurem Schweiß den Schiffer laßt nicht zagen!
23
Ob eure Brüder euch, die Ruderknechte,
24
Von der verlornen Poesie nicht sagen?

25
Besteigt ein Schiff und fangt die Launenspende
26
Des wind'gen Windgotts auf im Segeltuche,
27
Als ob ein Bettler mit dem Hut behende
28
Des Wandrers milden Sold zu haschen suche!

29
Will er's, so ruht windstill mit schlaffem Segel,
30
Seid festgefroren in den Sommertagen!
31
Vielleicht daß Delphin euch und Seegevögel
32
Von jener, so ihr suchet, weiß zu sagen!

33
Ich will indeß hinab die Bahn des Rheines
34
Auf schwarzem Schwan, dem Dampfschiff, singend schwimmen,
35
Den Becher schwingend voll des goldnen Weines,
36
Dir, Menschengeist, den Siegeshymnus stimmen!

37
Wie dir der Feuergeist die Flammenkrone
38
Herab vom stolzen Haupt hat reichen müssen,
39
Wie du dem Erdengeiste, seinem Sohne,
40
Das eh'rne Herz kühn aus der Brust gerissen;

41
Wie du zu beiden sprachst: Ihr sollt nicht rasten!
42
Daß fürder Mensch nicht Menschen knechten möge,
43
Geh, Feuer du, und trage deine Lasten!
44
Leb', Eisen du, und wandle seine Wege!

45
Ich weiß, daß deines Wandels Flammengleise
46
Kein Blümchen im Poetenhain bedrängen,
47
So wie des Heil'genscheines Gluthenkreise
48
Kein Löckchen am Madonnenhaupt versengen.

49
Nein, Amt der Poesie in allen Tagen
50
Ist's, hoher Geist, dein Siegesfest verschönen,
51
Wie der Victoria Goldbild überm Wagen
52
Des Triumphators schwebt, um ihn zu krönen.

53
Schon seh' ich dort entlang des Gaues Straßen
54
Die dampfgetriebnen Wagenburgen fliegen,
55
Wie scheugewordne Elephantenmassen
56
Thürm' und Geschwader tragen fort zu Siegen;

57
Der schwarzen Rüssel Schlote hoch erhoben,
58
Dampfschnaubend, rollend wie die Wetterwolke!
59
Die Mannen, siegestrunken, jauchzend oben;
60
Weitum gelichtet alle Bahn vom Volke!

61
Wenn auch aus seinem alten Lindenfrieden
62
Den Patriarchen dort des Dorfs sie wecken,
63
Nicht schadets, wenn er, was der Geist beschieden,
64
Die Mütze lüftend, schaut mit freud'gem Schrecken;

65
Nicht schadet's, wenn er, was er dort sah tosen,
66
Des Geistes wandelnden Altar muß nennen;
67
Wenn er im Rauchkoloß, dem flücht'gen, losen,
68
Die Gluth, die ew'ge, die ihn zeugt, sieht brennen!

69
Und wenn er betend fleht, daß die Minerve,
70
Die jetzt des Volks olymp'schem Haupt entsprungen,
71
Nie gen den Vater die Geschosse werfe,
72
Nie sei von seiner Dränger Sold gedungen!

73
Und wenn er ahnt, daß sie in schönern Tagen,
74
Wofür er selbst einst feststand im Gefechte,
75
Dem Enkel werde zu ersiegen wagen
76
Ein glorreich Vaterland und heil'ge Rechte!

77
Laßt beten ihn, und ahnen so im Stillen,
78
Bis sich gesenkt vor uns des Dampfes Wolke,
79
Als heil'ger Tempelvorhang, zu verhüllen
80
Der Zukunft Schickungen dem jetz'gen Volke.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.