Wo bei Cypressen hingesunken

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Anastasius Grün: Wo bei Cypressen hingesunken Titel entspricht 1. Vers(1842)

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Wo bei Cypressen hingesunken
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Ich raste, schauend in den Schooß
3
Der ew'gen Roma, wehmuthtrunken
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Vom Glöcklein San Onofrio's;

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Hier saß einst Tasso. Der Cypressen
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Stand eine nur, sonst war's wie jetzt;
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Ob mancher Stein hinsank indessen,
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Nur Thau war's, der dieß Meer genetzt!

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Wohl rauschte die Cypress' am Hügel
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Ihm die Cypress' im Herzen wach,
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Daß, brechend seines Schweigens Siegel,
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Der kranke Dichter zu sich sprach:

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»o Menschenleben, Hauch im Winde,
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Dich überdauert Stein und Thier!
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Fortlebt der Vater doch im Kinde,
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Mein Lied, mein Kind, lebt' ich in dir!

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Komm, Rab' am Baum dort, dem zu Liebe
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Enterbt ich um manch Jährlein war,
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Daß ich mein Lied dich plappern übe,
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So tönt's wohl noch ein hundert Jahr!

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Dir, weißer Zauberhirsch, durchsausend
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Den Apennin, schrieb' ich's mit Gold
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Ins Halsband gern, daß ein Jahrtausend
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Mit dir es noch die Welt durchrollt!

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Dir, Stein am Wege, wollt ich's schlagen
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In deine kalte Menschenbrust,
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Daß du es tausend Jahre tragen
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Und aber tausend Jahre mußt!

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Was ficht mich an? Wo sind die Thaten,
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Daß ich zu ragen bin gewillt,
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Dem Baume gleich, hoch über Saaten,
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Dem Thurm, hoch überm Stadtgefild'?

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Dem Baum, wie mir, gibt Recht zu ragen
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Furcht, Vogelsang und Blüthenscherz!
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Dem Thurm, wie mir, gibt Recht zu ragen
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Sein tönend heilig Glockenherz!

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Doch soll mein Lied hier stehn in Steinen,
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Wo Lieder nicht, nein, Ruhm und That
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Und der Jahrtausend' Jauchzen, Weinen
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In Trümmern ruht, versteinte Saat?

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Wo der Campagna Wüst' ich sehe
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Und mich's kein Wunder mehr bedünkt,
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Daß beim Anschaun von solchem Wehe
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Dem Pflügerarm der Pflug entsinkt?

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Wo du selbst brachst, in Staub zerfallen,
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Marmorgewordner Gott, entzwei!
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Wo aus des Forums Trümmern allen
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Noch ragen Tempelsäulen drei;

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Furchtbar, drei Fingern gleich, erhoben
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Zum Schwur einst der Beständigkeit,
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Doch die verdorrt noch ragen oben,
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Weil sie beschworen falschen Eid!

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Wo, zwar vom Siegesglanz umflossen,
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Hoch von der Burg San Angelo's
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Der Engel zückt, in Erz gegossen,
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Das Flammenschwert noch, blank und bloß;

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Indeß das Blitzesschwert am Berge
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Dem größern Seraph: Sturm aufloht,
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Der fern schon diesem Engelzwerge
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Aus schwarzer Wolkentoga droht!

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Wo noch am Weltdom in verklärter
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Triumphesgluth das Kreuzbild ragt:
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Der Regen küßt es, – doch verzehrt er!
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Die Sonne güldet's – doch sie nagt!

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Ha, lästert nicht dieß Kreuz mein Sprechen?
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Nicht lästert, der es peitscht, der Wind,
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Nicht lästert Blitz, der's einst wird brechen,
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Da doch allbeide Gottes sind!

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Ich aber glaub', ein Fels im Fallen
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Er fühlt so süß, wie als er ward!
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Es träumt der Baum im Niederwallen
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So süß, wie er da sproßte zart.

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Fahr' hin, mein Lied, erstirb in Tönen
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Und flattre fröhlich trümmerwärts!
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Preis dir, Natur, der ew'gen schönen!
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Dir schreib ich liebend mich ins Herz!«

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Und dort von dem Cypressenbaume
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Pflückt er der zarten Zweiglein acht,
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Pflanzt sie in Reih' am Hügelsaume,
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Ist sie zu warten sorgbedacht.

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Da stehn als luft'ge, grüne Stanze
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Achtzeilig sie, wie ihm sie klang,
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Und säuselten im Windestanze
84
Ins Herz mir diesen Wehmuthsang.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anastasius Grün
(18061876)

* 11.04.1806 in Ljubljana, † 12.09.1876 in Graz

männlich, geb. Grün

österreichischer Dichter und Politiker

(Aus: Wikidata.org)

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